Frösche an der Wand
Februar 2003, ah
Mag sein, dass dieses Gefühl schon viel länger in mir schlummerte. Aber so richtig hoch kam es erst durch die Sache mit der Baustelle.
Es war an einem Freitag. Ich hatte ausnahmsweise schon um zwei Feierabend. Der Wind war angenehm frisch an diesem Freitag, so, wie sich das für einen echten Februar gehört. Ich war deshalb zu Fuss gegangen und fühlte mich wie der Wind: Frisch und knackig. Hüpfend, die Kälte auf meinen Wangen, versuchte ich – zwei links, zwei rechts – meinen Atem in der Luft zu erhaschen, und war gerade wieder das kleine Mädchen mit den kupferroten Zöpfen geworden, als ich um ein Haar gegen die Absperrung dieser unseligen Baustelle knallte. Meine Ausgelassenheit und gute Laune fiel glatt ungebremst in den Graben, der sich vor mir auftat. Und ebenso abrupt und ungebremst war ich wieder Jutta, 37 Jahre alt, ledig, keine Kinder. Das allein hätte sicher noch keine Auswirkungen auf mein bevorstehendes Wochenende gehabt. Aber wie Kleist schon wusste: ‚Jedwedes Übel ist ein Zwilling‘.
Ich hatte mich also gerade noch selbst abgefangen, war, nach einem raschen Blick in den Graben, rechts der Absperrung entlang weitergegangen und wollte eben zum Sprung ansetzen, als ich plötzlich ein kleines, orangefarbengekleidetes Grüppchen vor mir sah, das mich mitleidig betrachtete. „Signora, possiamo ajutarla?“ Eh ich antworten oder recht verstehen konnte, was die besorgten Italiener meinten, hatte einer von ihnen bereits ein Brett über den Graben gelegt, sodass ich nun vor mir eine Art Brücke hatte. Ich stand wie angewurzelt und lächelte gequält, woraufhin ein dreitagebärtiger Bauarbeiter auf mich zuging, mich unvermittelt unterhakte und mir auf die andere Seite half. Ich war zu verblüfft, um abwehren oder überhaupt nur in irgendeiner Form reagieren zu können. Gedanken der Dankbarkeit waren mir erst gar nicht in den Sinn gekommen. Es war alles so schnell gegangen. Und dann diese beklemmende Stille. Kein Pfeifen, kein „Ciao bella!“, kein Versuch einer Kurzkonversation auf sexueller Ebene. Wo war es hin, das Klischée der hintern- und busenfixierten Strassenarbeiter? Was war los mit den Luigis, Paolos und Giuseppes, die jede passable Passantin schon als Sahneschnitte auf ihrem Dessertteller sah’n? Hatte die Lust unter den Bauarbeitern nachgelassen? Oder sollte ich…?
Ich kam an ihrem Bauwagen vorbei, aus dem es nach Kaffee, heissen Würstchen und verbranntem Gummi roch. „Wenigstens das ist noch wie eh und je“, dachte ich. Das letzte Stück nach Hause lief ich mechanisch, so, als spule sich ein altbekanntes Programm ab.
Dumpf war mir zumute.
Der Briefkasten gähnte mir entgegen und beherbergte lediglich einen unbeholfenen Zettel, auf dem die Eröffnung des mindestens dritten Thai-Take-aways dieses Viertels bekannt gegeben wurde.
In meiner Wohnung angekommen, liess ich mir ein Bad ein. Während das Wasser in die Wanne lief und sich Schaumkronen zu bilden begannen, betrachtete ich meinen nackten Körper im Spiegel. Ja, er hatte in den letzten Jahren ein paar Beulen abbekommen, und mein Gesicht spiegelte deutlich die Schrammen auf meiner Seele wider. Aber war das ein trifftiger Grund dieser Frau, die mir im Spiegel gegenüberstand, über einen Graben zu helfen? Und mit einem Mal beschlich mich dieses Gefühl, das mich ganz matt werden liess und ich hörte mich sagen: „Jutta, jetzt wirst du wohl langsam alt! Und wenn du ehrlich zu dir bist, sind sie längst rar geworden, die Hinterherpfeifer und „Na, Süsse!“-Rufer.
Bislang hatte ich mir nie wirklich Gedanken oder gar Sorgen gemacht. Weder über mein Single-Dasein noch über mein Älterwerden. Doch heute in der heissen Wanne sitzend, den Körper unterm Schaumteppich sicher geborgen, dachte ich nach.
Ich war sehr beschäftigt gewesen in den vergangenen Monaten, war fast täglich von einem Termin zum nächsten gehetzt. Vielleicht also hatte ich all die Pfiffe und Komplimente, die man für gewöhnlich auf der Strasse nachgeworfen bekommt, schlicht überhört, war zu sehr in Eile, zu sehr mit mir beschäftigt gewesen. Möglich wäre es auf jeden Fall.
Sicher, jede Menge Zeit ist vergangen, seit Mama mir mein rotes Haar zu Zöpfen band und ich vor Freude losheulte, als ich zur Weihnacht den Roller unterm Baum entdeckte. Zöpfe stehen mir einfach nicht mehr, aber ich heule noch heute los, wenn mich was ganz doll freut. Natürlich vergeht die Zeit, natürlich verändern sich gewisse Dinge. Aber ganz gleich, wie alt ich auch werde, ich bleibe das Mädchen mit den kupferroten Zöpfen und seh‘ die Welt mit seinen Augen. Wenn Jutta also im Innern noch ein Kind ist, dann gibt es nicht wirklich ein Älterwerden, sondern nur ein Sichverändern.
Erleichtert über diese Erkenntnis atmete ich tief durch und begann mich einzuseifen. Während ich mir über die Brüste strich, dachte ich: „Und Jutta und die Männer?“ Fürwahr ein trauriges Kapitel, durch und durch vernachlässigt und im Single-Alltag fast schon in Vergessenheit geraten. Ich lehnte mich zurück und versuchte mich zu erinnern. Wer hatte sich in den letzten Jahren in mich verliebt?
Da war Hannes, 9 Jahre jünger als ich und zum Anbeissen süss. Wir sind um drei Ecken miteinander verwandt und trafen uns hin und wieder auf Familienfeiern. Er verliebte sich bis über beide Ohren, und als ich abblockte, weil ich mich vor Familiendiskussionen fürchtete, flüsterte er mir zu: „Wir schreiben uns mal und sehen dann weiter.“ – „Was sollen wir uns denn schreiben?“ hatte ich damals gefragt, weil ich die ganze Unternehmung sinnlos fand.
Und er antwortete: „Ich schreibe den ersten Brief und wenn dir nichts einfällt, kannst du ihn ja abschreiben.“ So war Hannes. Wir haben uns nie wiedergesehen.
Dann gab es Fred. Fred, der Spinner und Träumer. Mit ihm konnte ich lachen und die Welt neu erfinden. Und Fred liebte mich mehr, als ich ihn lieben konnte. Und zum Beweis seiner Liebe schenkte er mir ständig irgendwelche Plüschtiere. Als er mir schliesslich zu Ostern eine Ente aus Plüsch schenkte, verliess ich ihn.
Und seit der Geschichte mit Rudi vor drei Jahren hab ich keinen Mann mehr mit in die Wohnung genommen. Rudi war homosexuell, und wenn es zwischen ihm und Klaus Krach gab, kam er zu mir. Meistens sassen wir in Decken gehüllt auf dem Fussboden, tranken Unmengen Rotwein und philosophierten über die Liebe. Der schwermütige Rudi und ich. Uns verband eine tiefe Zärtlichkeit. Eines Tages hat er sich einfach erschossen.
Und heute? Warte ich womöglich auf den Prinzen, der vor meinem Fenster vorbeireitet, das kupferrote Mädchen in mir entdeckt und mich fest in die Arme schliesst.
Ich muss über meinen Erinnerungen wohl in der Badewanne eingeschlafen sein. Jedenfalls war das Wasser ganz kalt geworden, als es an der Tür energisch klingelte. Ein wenig benommen stieg ich aus der Wanne, schlang mir ein Handtuch um und ging zur Tür. „Sag mal Jutta, bist du taub? Ich klingel‘ hier schon mindestens fünf Minuten!“, begrüsste mich Lotte. „Wir wollten doch los. Ich hab mir schon Sorgen gemacht!“ – „Ja,ja“, sagte ich und sah sie nachdenklich an. „Is was?“ fragte Lotte, die sich aufgrund meines Blickes keinen Schritt weitertraute. „Sag mal, Lotte“, sagte ich ernst, „hat dir ein Bauarbeiter schon mal ein Brett über ’nen Graben gelegt?“ – „Was ist los?“ – „Ich meine“, setzte ich noch einmal an, „bin ich noch attraktiv für die Männerwelt?“ – „Ich finde ja, aber was zählt das schon?“, gab Lotte zurück. „Warum hat sich dann seit drei Jahren kein Mann mehr in mich verliebt?“ – „Sie verlieben sich ja. Du merkst es bloss nicht. Du nimmst sie nicht wahr, weil sie keine goldene Krone auf dem Kopf tragen!“ Lotte sagte die Dinge immer so, wie sie sie empfand. „Dir kann nur ein Prinz genügen“, fuhr sie fort, „aber selbst wenn einer käme, spätestens beim Anblick Deiner Wohnung nähme er sofort wieder Reissaus!“ – „Warum?“ fragte ich ein wenig heiser. „Na, sieh dich doch um:
Bei dir kleben viel zu viele Frösche an der Wand.“
