Liebe Liebe
echte Briefpost, 2006, ah
Erinnerst Du Dich an Wilhelm Müller?
Es ist lange her, ich weiss. Anfang des 19. Jahrhunderts hat er über Dich geschrieben. Er schrieb, Du liebest das Wandern von einem zum andern und behauptete, Gott hätte Dich so gemacht.
Wer hätte gedacht, dass Du eines Tages auf Deiner Winterreise ausgerechnet bei mir Rast machst – und das beinahe pünktlich zum Frühlingsanfang? Fast ein bisschen kitschig von Dir.
Vielleicht hab ich Dich deshalb nicht gleich erkannt oder erkennen wollen. Wollte schliesslich keinem Schwindel aufliegen. So vieles trägt Deinen Namen, so achtlos und beliebig nimmt man Dich in den Mund, missbraucht Dich regelrecht, um hinter Deinen Buchstaben dann machen zu können, was einem wichtiger erscheint.
Wie sollte ich Dir auf den ersten Blick vertrauen? Wie sollte ich wissen, dass Du es ehrlich meinst? dass es Dich tatsächlich noch gibt?
Verzeih, dass ich zunächst meine Tür verschlossen hielt, Dich vom Fenster aus, auf sicherer Distanz, prüfend beobachtete. Ich fühlte mich wohl zu oft von Dir verlassen – zumindest im Stich gelassen. Du hast Dich nicht beirren lassen, bist einfach geblieben, denn Du weisst nur zu gut, dass man Dir auf Dauer nicht widerstehen kann, dass Du gebraucht wirst in allen Poren. Ja, dass man Dich am liebsten selbst verströmen möchte über alles und jeden, damit sich der Wahnsinn ein bisschen beruhigt, damit sich zu Dir eines Tages der Friede gesellt.
Du machst mich heiss und gleichzeitig wird mir so kalt, denn hinter jeder Ecke fürchte ich den Leiermann. Leben mit Dir ist eine Mutprobe Tag für Tag, Stunde für Stunde.
Es ist ein altes Lied: Die Liebe kommt, die Liebe geht.
Aber warum bringt uns keiner bei, wie man mit Dir leben könnte? Wie man Dich zu pflegen hat? Was Du brauchst, um zu bleiben? Was Dich glücklich macht und am Leben hält?
Ich hab Dir alle Türen aufgemacht, steh da mit offenen Armen, geb Dir freie Sicht auf alle meine Verletzlichkeiten, kann Dich spüren und mich mit Dir freuen. Seh in Dein schönes, lachendes Gesicht und fühle, wie sich Tränen bereit zum Absprung machen. Denn eines Tages wirst Du weiterwandern und ich vermutlich von vorne beginnen – zu hoffen, zu warten. Werde Briefe schreiben wie diesen hier, werde vom Postkasten ein Stück Gelb abklauben, es in mir einpflanzen und mir vornehmen, das nächste Mal mutiger zu sein und Dir sofort die Türen zu öffnen. Denn Du musst wissen, liebe Liebe:
Ich liebe Dich!
