anette herbst, ah-effekte

Willkommen auf ah-effekte, der persönlichen Homepage von Anette Herbst und der Schnürliprinzessin!

Ich rege mich auf!

…was das Leben einem so diktiert, Februar 2008, ah

Das Wort Führerschein zählt nicht zu meinen Lieblingsworten, was daran liegen mag, dass irgendjemand mal den Witz kreiert hat, dessen Inhalt besagt: Vor mehr als 60 Jahren habe ein Österreicher in Deutschland seinen Führerschein gemacht. Soweit bekannt ist, hat der nie einen Strafzettel kassiert. Falsch geparkt hatte er offenbar auch nie, und wer wollte ihm je überhöhte Geschwindigkeit nachweisen?! Dieser Führer hatte einen ganz besonderen Schein. Eine Lizenz gewissermassen. Da war ein totgefahrenes Reh auf der Landstrasse eine Lappalie dagegen.

Ich habe auch einen Führerschein, welcher mich jedoch noch lange nicht berechtigt, Angst und Schrecken über die Menschheit zu verbreiten, sondern lediglich dazu, einen Kraftwagen zu steuern, in dem Personen sitzen können.

Im Schweizerland wird der Schein zum Ausweis. Die Berechtigung bleibt diegleiche. Meinen hat man mir jetzt weggenommen. Man hätte ihn mir schon lange wegnehmen müssen, erfahre ich beim Amt mit dem klingenden Namen: Motorfahrzeugkontrolle. Denn ein Ausländer, der sich länger als ein Jahr in diesem Land aufhält, benötigt einen ausländischen Führerausweis. Meiner Logik nach bin ich bereits im Besitz eines solchen gewesen. Mein, im deutschen Ausland erworbener Führerschein war nicht nur zum Vergehen nostalgisch-schön und geradezu antik, sondern mir in den vergangenen 23 Jahren regelrecht ans Herz gewachsen. Ein grauer Lappen, auf dessen Innenseite ich mir 17-jährig entgegenlache. 1985 im Freistaat Bayern ausgestellt. Irgendwann aus Versehen in der Waschmaschine mitgewaschen, weil vergessen wurde die Jeanshosentaschen auf Inhalte zu überprüfen. In all den Jahren wurde ich vielleicht zwei-, dreimal aufgefordert ihn vorzuweisen, was mich beinah beleidigte, wo ich doch so stolz war auf das Teil. Und nun ist er weg, und keiner kümmert sich um meine blutende Seele. Die Frau von der Motorfahrzeugkontrolle nahm ihn ungerührt entgegen. Ich werde ihn nie wiedersehen! Er fahre nach Flensburg, meinte die nette Frau. Flensburg. Der Ort, an dem man Punkte sammeln kann.

„Kumulieren Sie mindestens 500 Punkte, legen Sie Ihre ‚Flensburg-Cumulus-Card‘ vor und Sie erhalten Ihren alten Ausweis zurück.“

Ich wollte sofort lossammeln. Zum Beispiel, indem ich mir kurz den Autoschlüssel der netten Dame geben lasse, ihr Auto mal eben gemäss ‚Frauen können nicht einparken‘ rückwärts in eine Lücke ramme… So enttäuscht bin ich gewesen! Neben dem Schmerz in der Brust hat mich dieser Umtausch einiges gekostet. Den Sehtext, die neuen Passbilder, den Umtausch selber. Warum ich so lange gewartet hätte? Das würde eigentlich Strafe kosten. Ich hab kein Auto, antwortete ich als Erklärung. Ich fahr Fahrrad. Ach so. Ja aber, ich müsse Fahrpraxis nachweisen. Gut, ich könnte Europcar bitten, mir eine Aufstellung zu schicken mit all den Zeiten, in denen ich ein Fahrzeug gemietet habe. Haben Sie keine Bekannte, die Ihnen bestätigen kann, dass Sie alle zwei Wochen ihr Auto bewegt haben? Alle zwei Wochen?!?

Vor Jahren interessierte ich mich mal für die Fliegerei, war wildentschlossen einen Pilotenschein zu machen. Hatte Kontakt zu diversen Privatfliegern und zur Genüge erfahren, dass der Nachweis der jährlichen Pflichtflugstunden das Teuerste am ganzen Pilotenhokuspokus sei. Viele flogen deshalb einmal im Jahr nach Amerika, machten dort vier bis sechs Wochen Urlaub und flogen was das Zeug hielt. In Amerika war’s erschwinglich und so hatten sie rasch ihr Jahrespensum erfüllt. Flugpraxis nachweisen zu müssen halte ich für sinnvoll. Auf Himmelsstrassen gelten völlig andere Regeln und keiner möchte schliesslich als toter Vogel enden. Aber eine Fahrpraxis für einen stinknormalen Pkw? Und dann alle zwei Wochen! Das scheint mir überrissen, tut mir leid. Das Fahrradfahren – einmal gelernt – verlernt man doch auch nicht mehr.

Gut. Nehmen wir an, ich wäre in Tobohumba aufgewachsen und hätte dort die Fortbewegungserlaubnis für Elefanten erworben. Wäre regelmässig mindestens alle zwei Wochen einmal von Tobohumba nach Mumbakonga geritten, besässe somit also eine nachweislich sichere Elefantenpraxis – ich könnte dennoch gut verstehen, dass man sicherheitshalber mal eben prüfen wolle, ob ich denn auch das Schweizer Verkehrswesen zu erfassen in der Lage sei. Den Unterschied zwischen deutschen und Schweizer Strassen, inklusive deren Regeln, halte ich allerdings für schwindend klein. Man müsse es halt prüfen, wiederholte die Schalterfrau, es sei denn, ich könne eine Bestätigung vorlegen. Klar. Irgendwer wird mir solch ein Schreiben schon aufsetzen, aber ganz der Realität entspräche es nicht. Das habe in ihren Ohren nichts zu suchen. Ich hatte verstanden. Notlügen sind o.k. Ich werde also in den nächsten Tagen einen kreditkartenähnlichen, hässlich modernen Fahrausweis erhalten mit einem Nullachtfünfzehnfoto drauf und dem Wissen, dass, sollte ich in ein paar Jahren wieder in die Heimat ziehen, das ganze Umtauschgedöns von vorne losgeht.

In England, Italien, Österreich – selbst in Polen (!) hätte ich fröhlich mit meinem alten Lappen weiterleben dürfen. Tja, die Schweiz ist eben nicht Europa.


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