anette herbst, ah-effekte

Willkommen auf ah-effekte, der persönlichen Homepage von Anette Herbst und der Schnürliprinzessin!

Schwer zu tragen?

erschienen im baz-Kulturmagazin am 11.03.2008, ah.

Das Jahr ist nun schon 3 Monate alt, oder darf man noch „jung“ sagen? Wie ist dieses Jahr eigentlich dahergekommen und wie liess es sich an? Wollen doch mal eben kurz zurückspulen: 06 war das Mozartjahr mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle. Manche scherzten auch: „null Sex“. Das widerum lag nicht an Brandauer – nehm ich an. Dann kam 007, das Jahr, das mit allen Waffen und Tricks dieser Welt ausgerüstet zu sein schien. Zumindest hoffte man das. Und was haben wir nun? 08 und die Angst, irgendwer könne uns eine 15 hintendran hängen.

Ach was! Alles Wortspielereien, Ulks, um die bittere Alltagsrealität ein wenig zu kaschieren. Die zeigt nämlich: Es hat sich nichts geändert. Die Frauen spazieren nach wie vor in unbequemen Schuhen, tragen schwenkend unpraktische Handtaschen bei sich. Männer tragen dafür schwere Bäuche vor und unvorteilhafte Socken an sich. Kleinkinder ertragen im Tram riesenhafte Köter Auge in Auge, während Mütter sich fragen, warum keiner mal irgendwo einträgt, dass kalbähnliche Zähnefletscher endlich maulkorbverpflichtet werden sollten. Halbstarke tragen dick auf, meist mit Geschwindigkeiten, die selbst der Polizei in der Innenstadt viel zu hoch sind, so dass sie gar nicht mehr nachkommen. Autos sind nach wie vor Statussymbolträger und brüsten sich gern mit Doppelrohren und übertriebenen Spoilern. Modetechnisch trägt man wieder Weiss, als wären wir nicht schon blass genug. Politiker tragen Verantwortung, zumindest wenn sie kurz vor den Wahlen stehen. Bislang ist man auch noch nicht müde geworden, Kriege auszutragen. Das scheint in jeder Grössenordnung einfach dazuzugehören. In meiner Nachbarschaft tobt seit Jahren der Kleinkrieg – vorzugsweise nachts. Man bedient sich Verbalkanonen, zuweilen auch der geballten Faust. Wenn jetzt wieder die Zeit der offenen Fenster und Balkontüren losgeht, ersetzt mir der Familienterror von nebenan jeden „Tatort“. Das spart Fernsehgebühren. Verträgt sich eigentlich noch wer? Oder benötigen wir auch dafür längst Verträge?

Jeder sollte den Müll vor der eigenen Hütte abtragen und die eigenen Probleme nicht auf andere übertragen. Und wenn wir uns alle vortragen lassen, was wir ohnehin mittragen müssen, werden wir auch am Ende dieses Jahres sagen: Es war ein ganz normales und erträgliches Jahr.


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