anette herbst, ah-effekte

Willkommen auf ah-effekte, der persönlichen Homepage von Anette Herbst und der Schnürliprinzessin!

Der Bildungsrucksack

erschienen im baz Kulturmagazin im November 2007, ah

Unsere Gesellschaft baut auf Wissen. Gut. Wissen ist Macht. Ein alter Hut. Wobei der Hut umgenäht wurde zum Sack, den man neuerdings gefälligst gut sichtbar auf dem Rücken zu tragen hat. Ja. Genau. Dieses speckige Etwas, das vollgefüllt bei unbedachtem Sichbewegen mit einem Ruck ganze Regale abzuräumen im Stande ist. Es sei denn, man hätte hinten Augen. (Die Forschung arbeitet sicher daran, vorausgesetzt jemand hat das Zeug, respektive den Rucksack dazu.)
Worüber ich mich hier echauffiere, ist der in allen Köpfen hängende, in allen Mündern durchgekaute Bildungsrucksack. Entschuldigung! Was ist das denn nun wieder für ein Accessoire?
Biste was, haste was? Biste wer, kannste wem? Oder wie? Und was genau muss per definitionem darin enthalten sein? Scheine? Fachfötzel? Nachweise? Urkunden? Schön gestempelt, sauber eingemappt zum Vorzeigen? Je voller, je toller? Und mit all den Vorzeigepapieren, die hineingestopft in jenen ominösen Rucksack ihrer Vergilbtheit entgegenknittern, soll uns dann Tür und Tor offen stehn? Kompliment!
Und wer bitte wirft gelegentlich auch mal ein Auge auf den durch Tür und Tor Schreitenden? Also auf den Träger?! (Sofern überhaupt einer vorhanden). Über Rucksäcke kann man lange und geduldig schreiben, aber wenn Herr Niemand ihn umschnallen will, dann geht doch da nur ein Rucksack durch’s Land, oder? Was nützt ein Akademikergrad, wenn kein Mensch vorhanden ist, der ihn bekleiden könnte?
Was haben wir vor Jahren gegen die „Fachidiotenwelt“ gewettert. Und wie wenig haben wir daraus gelernt. Hier noch ne Ausbildung, ne Fortbildung, Weiterbildung, Einbildung… und fertig ist der Rucksack, der uns im öffentlichen Verkehr mit seiner Prallheit rücksichtslos zu Boden wirft.

Wir sollten nicht besserwissen, sondern wissen, was wirklich eine Gesellschaft bildet. Und wir sollten uns ganz konservativ wieder in den alten Lederkoffer mit den schönen Schnallen vergucken. Dann hätte auch all das wieder Platz, was der Grossvater noch wusste.


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