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Willkommen auf ah-effekte, der persönlichen Homepage von Anette Herbst und der Schnürliprinzessin!

Saurer Lenz

erschienen im baz-Kulturmagazin im April 2008, ah

Erster sein ist nicht leicht. Die Erwartungen sind hoch. Die Anforderungen kaum erfüllbar. Verständlich, dass die viel besungene erste Jahreszeit unter all dem Druck zunächst erkrankte. „Der Lenz liegt mit grippalem Infekt noch hinter den Wolken“, war vor einigen Tagen auf der homepage des Universums zu lesen (www.himmelnochmal)
Hatte also der Regen erst einmal Zeit reinzuwaschen, was wir den Winter über vergammelt haben. Auch die Winde wurden losgelassen, bliessen trocken, fegten weg. Das blaue Band soll schliesslich zu sehen sein, so bald es Herrn Lenz besser geht, hiess es von oben.
Natürlich. Wir hätten ihn gern pünktlich begrüsst – einfach schon der Ordnung halber. Ausserdem brauchen wir ihn, und zwar dringend. Er soll endlich die Zeit der hochgezogenen Schultern und diese Zwiebelmethode beim Ankleiden beenden. Schnauze voll von noch ’nem Pulli, ewig Schal und Mütze!

Und plötzlich war er einfach da. Und fuhr gleich mal ein mit 19 Grad. Hat wohl doch noch ein bisschen Fieber, der Gute. Immer werde er angemeckert, raunte er und liess noch mal die Winde los. Kein anderer Kollege der Jahreszeiten habe so einen schweren Start und werde so bekrittelt wie er. Jahraus, jahrein! Der Sommer, dieser Choleriker, würde ihn manches Jahr einfach überspringen. Der Winter sei oft zu träge, um sich pünktlich zu verziehen. „Wenn der erst mal flockig am Schneetreiben ist, wird er jedesmal zur Rampensau!“ ereiferte sich Herr Lenz und knickte prompt eine Tulpenreihe um. Und dann wollen alle von heute auf morgen zartes Grün, leuchtend-bunte Farben, die ersten Hummeln… Er arbeite ja! Aber wenn er’s tatsächlich mal hinbrächte, wie früher, in den hochgelobten, alten Zeiten, dann würden ganz viele gleich wieder die Nase voll haben, über Heuschnupfen klagen und weiss der Himmel noch alles. Eines wisse er genau: Aller guten Dinge waren schon immer drei. Er könne also getrost bleiben, wo er sonst auch stecke und freue sich drum auf die Klimaerwärmung und seine damit verbundene Frühpensionierung.

„Und die Frühlingsgefühle?“ rief ich ihm hinterher.
„Ach, bleiben Sie mir doch vom Acker, Frau Herbst!“


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