Unter bunten Dächern
erschienen im baz Kulturmagazin im April 2008, ah
Sollen die zaghaften Sonnenstrahlen etwa bedeuten, dass ab hier und heute Schluss ist mit dem Regenguss? Schade. Sie war gerade so schön im Fluss, die unwissenschaftliche Studie „Unter bunten Dächern“.
Das Wasser von oben, das sich in nicht endenwollenden Fäden tagelang aus den Wolken abseilte, rief Küchenpsychologen auf den Plan, die den Zusammenhang zwischen Schirm und Träger untersuchten. Gut. Die Tage waren grau, die runtergezogenen Mundwinkel zahlreich, aber wann hatte man je solch eine Vielfalt bunter Zelte en miniature durch Strassen und über Plätze wuseln sehn? Vom klassischen Knirps über Burberry-gemusterte Damenmodelle, vom ausladenden Zwei-Personen-Schutz über beschriftete Werbeträger, vom Kitsch bis zur Kleinkunst – alle Schirmherrschaften waren vertreten. Und man hatte Zeit, sich auszumalen, wer das ist, der sich darunter im Trockenen wähnt, den Knauf umklammernd, bereit, das gespannte Nylon als Waffe einzusetzen, um als Erster das Tram, den Bus oder das Kaufhaus zu betreten.
Der Knirps zum Beispiel, auf dessen schwarzem Nylon die Regentropfen wie edle Perlen wirken, schirmt sicher einen gutgekleideten, gepflegten, jungen Herrn. Und die grünen Wiesen, auf denen sich Hund und Katze küssen und die als Trio beieinanderstehen, bergen je eine Mutter und ein Kind. Oder der schlichte Blaue, der vom Sturm geknickt dennoch eine Dame halbtrocken hält. Sie alle erzählen Geschichten, aber lassen sie tatsächlich einen Rückschluss auf den Träger zu? Der Küchenpsychologe freilich holt zum entschiedenen JA aus und erklärt sodann, dass offensichtlich sei und aufgedeckt werden könne, was sich da unter Dächern regelrecht zu verstecken scheint. Der Perlenknirps lasse demnach auf einen stilvollen Menschen schliessen, der ebenso zielstrebig wie aufgeräumt seinen Weg mache und es höchstwahrscheinlich bereits zum Manager geschafft habe. Die Wiese verrate Familienidylle. Hund und Katz seien Symbolträger für Fürsorge und Nächstenliebe. Das verbogene Gestänge, welches die elegante Dame schützend über sich hält, verrate, dass sie zwar äusserlich als Dame in Erscheinung trete, innerlich jedoch in Unordnung zerfalle.
Phantastisch, denk ich, und unter allen karierten Schirmen kommt demzufolge ein kleiner Mensch zum Vorschein. Zeige mir deinen Schirm und ich sag dir wie du tickst. Chabisgmües! Schirme sind mehrheitlich notgedrungen in die Hand genommene, unliebsame und zudem lästige Begleiter, werden nicht selten achtlos weggeworfen, am häufigsten jedoch vergessen, und zwar am liebsten im Restaurant.
