Es war einmal…
Die Schweiz will die Post abschaffen – da kann man schon sentimental werden, oder?
Ein emotionaler Rückblick, 2008, ah
erschienen im baz-Kulturmagazin am 21. August 08
Wenn mich als Kind die unbändige Lust nach Gummimäusen oder anderem Schleckzeug überfiel, lief ich über die grobgepflasterte Strasse in den Edeka-Laden gegenüber. Der Ladenbesitzer war aus meiner Perspektive ein Grossvater und die Kombination „kleiner Laden – alter Mann“ war und bleibt für mich das unverrückbare Bild einer heilen Welt. Er hiess Zemelka und die abschüssige Strasse gleich neben seinem Miniladen heisst, seit ich denken kann „Zemelkaberg“. Und dieser Zemelkaberg war Kindertreffpunkt, denn da konnte man die eisernen Rollschuhe unter den Füssen mal laufenlassen, dass es klang, als würden Gespenster mit ihren Ketten rasseln. Wenn mich also diese süsse Gier befiel, hopste ich zwei links zwei rechts in den kleinen Laden. Herr Zemelka öffnete eines der grossen Schraubgläser, die mit ihrer klebrigen Fracht ihr Dasein in Schräglage auf der Theke fristeten. Einer Theke, die ich Dreikäsehoch gerade noch mit meinen Augen überblicken konnte. Bevor er aufschraubte, frug ich natürlich fränkisch und direkt: „Was kricht ma für en Fünfer?“ Er zeigte mir die Auswahl indem er auf die Gläser tippte, ich wählte, drückte ihm den durch meine Hände klebrig gewordenen Fünfer in die Hand und erhielt im Gegenzug ein Gummitier, das genauso klebte, aber weich und herrlich zuckrig sogleich in meinem Mund verschwand. Mit dem alten Herrn Zemelka starb auch sein kleiner Laden wie so viele kleine Läden in all den Jahren. Und mit jedem kleinen Laden stirbt immer auch ein Stück Persönlichkeit. Wobei: Der kleine Schreibwarenladen meiner Kindheit existiert noch in meinem Dorf. Der heisst „Schneier“ weil die Besitzerin so heisst. Und die war dünn und weisshaarig und wusste alles. Wenn ich ein neues Schulheft brauchte, dann gab sie mir stets das Richtige. Stutzte ich, weil mir beispielsweise die Linierung völlig fremd erschien, meinte sie knapp, streng und warm zugleich: „Anette, du bist jetzt in der Dritten!“ In so viel dörflicher Geborgenheit wird man gerne grossgezogen. Damals schon war diese Frau Schneier für mich uralt. Jetzt ist sie steinalt. Der Laden auch. Und ich drück ihr die Daumen, dass sie ewig lebt, damit noch viele Kinder in den Genuss dieses nach Zeitschriften und Tintenfässern duftenden Ladens kommen. Im Grunde gehört dieses letzte Zeugnis meiner Kindertage unter Denkmalschutz. Denn alles andere Vertraute, Kleine und nach Kindheit Duftende ist längst ausgerottet. Verschiedene Kommerzketten leisteten Sterbehilfe. Traurig. Is halt so, sagen die Leute achselzuckend.
An unsere alte Post kann ich mich auch noch sehr lebhaft erinnern. Diese Post war für mich etwas Besonderes. Auch sie duftete – wahrscheinlich von Amts wegen. Unsere Familie hatte ein Postfach. Allein das war schon aufregend. In der Post wurde gestempelt und geklebt. Da waren Briefe, Pakete und Postkarten Könige. Das gelbe Horn die Krone. Nicht umsonst wurde einst der ‚Gelbe Wagen’ besungen und hochgelobt. Und die Post war Allgemeingut. Jeder brauchte sie. Den Boten dazu kannte man persönlich. Man zog den Hut vor ihm, denn jedermann wusste, was der zu leisten hatte. Eine unvergleichliche Zeit, in der Pakete noch verschnürt wurden, die Briefmarken via Zunge klebbar gemacht werden mussten. 1991 gab ich mein erstes Telegramm auf. Abenteuerlich war das und herrlich zugleich. Hätte ich damals gewusst, dass diese Form der Kommunikation einmal sterben würde, ich hätte umgeschult und wäre Telegraphenmast geworden. Aber ich hätte mir damals ja noch nicht mal träumen lassen, dass auch der D-Mark kein ewiges Leben vergönnt sein sollte. Balthasar Neumann, Clara Schumann, das Holstentor… längst nostalgischer Firlefanz. Schade. Und heute? Heute gibt es in good old germany noch nicht mal mehr eine Post. Der Aufbau in irgendeiner Ecke einer Drogerie wirkt wie die Pappvorrichtung meiner Kinderpost von seinerzeit. Unbeholfen. Und hierzulande weiss man vor lauter anderem Gedöns gar nicht mehr, dass man sich in einer Post befindet. Die blasen in so viele Verkaufsschlagerwerbungshörner, dass man sich mit der handgeschriebenen Karte in der Warteschlange vorkommt wie ein Ausserirdischer. Schade. Traurig auch. Zumindest für Nostalgiker wie mich. Aber es kommt ja noch ernüchternder: Es wird bald gar keine Post mehr geben. Weder als Kioskattrappe noch sonst wie. ‚Privatisierung’ heisst das Entzauberungswort. Aha. Dann wird es wohl irgendwann auch keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr geben, sondern Privattaxen oder schneller noch, Privatjets. „Von der Vogesenstrasse bis zum Barfüsserplatz in 0 Sekunden!“ Warum nicht. Flotte Sache. Aber bis dahin, also bis auch dieses idyllische Stück Geborgenheit gestorben sein wird, bin ich hoffentlich steinalt oder besser ebenfalls tot.
