Wohin ist sie entschwunden?
…was der Sommer einem so vor Augen hält, 2008, ah
unter dem Titel „Von Schlurfern und Biertitten“ im baz-Kulturmagazin erschienen am 24.07.08
Man schreibt und liest viel von „sehr geehrten Damen und Herren“. Hin und wieder werden diese sogar gesteigert, indem man sie „verehrte“ nennt, wobei man auch davor noch ein „sehr“ setzen kann, wenn man seiner Verehrung besonderen Ausdruck verleihen möchte.
Angesichts der zweibeinigen Individuen, die vor allem bei schönem Wetter auszuschwärmen pflegen, frag ich mich allerdings seit langem, wo denn diese Damen und Herren geblieben sind – vor allem die ehrenwerten? Flanierende Würste, ja, die trifft man allenorten. Flip-Flop-Schlurfer auch. Und nachlässig gehaltene Rückgrate, oder gar fehlende. Lasche Erscheinungen, buntbemalte Bohnenbäume, kaugummikauende oder rotzspuckende Gestalten, wandelnde Biertitten, modeversklavte Halbstarke, telefonsüchtige Alleserzähler, sackkratzende Symbolträger, gröhlende Alkoholfahnenschwenker, wichtigtuende Schlaffsäcke… Die Auflistung ist unvollständig – bei solch einer Artenvielfalt ohnehin. Und die Dame? Und der Herr? Die Nadel im Heuhaufen? Die Anrede sei eine neutrale Floskel und mache sich eben gut. Als die Floskel Einzug hielt auf die Briefköpfe der Menschheit waren gewiss die Damen und Herren in der Überzahl. Die Zeiten ändern sich halt, man könne aber ja dennoch die Contenance wahren. Sicher. „Sehr geehrter Oberschlurf“ macht sich wirklich nicht gut. Obwohl wir durchaus mit der veränderten Zeit gehen dürften und dementsprechend nun diese Individuen ehren könnten. Als Zeitzeugen gewissermassen. Nein? Eine Stilfrage? Ach so. Aber warum ausgerechnet eine solche Frage in einer solch stillosen Zeit? Dann sei mir angesichts des abschreckenden Bildes einer flanierenden Masse auch eine Frage erlaubt: Wohin, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist um alles in der Welt die Erotik entschwunden?
