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Willkommen auf ah-effekte, der persönlichen Homepage von Anette Herbst und der Schnürliprinzessin!

Skarabäus

Ein winterliches Märchen
entstanden 1996, ah
mit Hilfe von Sophokles und Walter Jens

Vor vielen hundert Jahren, so erzählt es die ägyptische Sage, habe sich ein alter Mann auf den Weg gemacht, das ‚Reich des fruchtbaren Halbmondes‘ zu suchen. Es heisst, der Totengott Anubis sei ihm eines nachts im Traum begegnet, und als seine Frau Cheruba des morgens sein Lager betrat, fand sie es verlassen. So geschah es, dass ein erfolgreich gegründetes und seit Jahrzehnten blühendes Königreich seinen Herrscher verlor. Niemand wusste damals, was König Menes dazu bewegt haben konnte, seinen Thron und sein Volk zu verlassen. Erst Jahre später brachte die Entdeckung einer Papyrusrolle Licht in das geheimnisvolle Verschwinden. Nachdem Königin Cheruba damals das Volk beschwor, auf die Rückkehr Menes zu warten, war es eines nachts zu einem Sturm auf den Palast gekommen. In ihrer Verzweiflung und Trauer um den geliebten Herrscher und der Hoffnungslosigkeit des Wartens, hatten an die fünfzig Männer beschlossen, den Thron zu stürzen und all die schmerzhaften Erinnerungen für immer zu vernichten. Dabei entdeckte man ein in die Mauern versenktes Geheimfach, in dem man schliesslich den Papyrus fand. Das Siegel wurde gebrochen und folgender Inhalt offenbar:

„Ein dunkler Schatten kam diese Nacht über mich. Anubis selbst trat an mein Lager und sprach, des Alten Zeit sei nun gekommen, seine Seele zu retten. Mein Thron sei befleckt mit dem Blut meines Volkes, Cherubas Lachen seit Jahren verstummt. Nun gälte es, der Finsternis die Sonne entgegen zu bringen. Das ‚Reich des fruchtbaren Halbmondes‘ zu erreichen, sei von Stund‘ an mein höchstes Ziel. Cheruba, geliebte Gattin, möge ein guter Stern meine Reise begleiten. Halte du nun mein Zepter in beiden Händen und suche mein Volk zu schützen. Vor allem aber mögen die Götter zu verhindern wissen, dass Osiris Unheil und die Perser über euch bringe. Meine Liebe sei dir gewiss. Menes“

Man überbrachte der Königin die Schrift und da Menes ihr so viel Vertrauen schenkte, legte das Volk sein Geschick in ihre Hände und Obhut.

König Menes selbst wusste und ahnte freilich nichts von dem, was Jahre nach seinem Fortgehn innerhalb seines Reiches vor sich ging und beschlossen wurde. Er war zu Fuss aufgebrochen und hatte nichts bei sich als eine Rolle Papyrus und eine Feder. Seine Erfahrungen haben ihn im Laufe seines Lebens gelehrt, dass Schreiben die Gedanken zu ordnen vermag und damit die Kraft habe den Kopf zu klären. Dies wollte er sich zunutze machen, falls die Anstrengungen seiner Reise ihn ihn Verwirrung oder gar Angst bringen sollten.

Nach zwei Tagen und Nächten des Fussmarsches waren die Türme seines Palastes bereits hinter der Stadtmauer verschwunden. Und schon am dritten Tag lag sein Königreich einem Punkt gleich hinter ihm. Nun hatte er die endlose Steppenlandschaft erreicht, in der man am Horizont nur die Sonne flimmern sieht. An jenem dritten Tag war es auch, dass König Menes neben sich im Sand eine zweite Fussspur entdeckte. Er strengte sein Augenlicht an, da er aber niemanden sehen konnte, frug er auf’s Geradewohl in die Leere hinein: „Anubis, bist du es?“ Da gab sich der Totengott lächelnd zu erkennen und sagte: „Ich komme, um nach dir zu sehen.“

Eine ganze Weile liefen sie schweigend dem Jordantal entgegen. Schliesslich wandte sich Menes an den Gott der Toten: „Ich pflanzte Getreide und liebte den Erntegott; mich grüsste der Nil in jedem Tal; niemand litt Hunger in meinen Jahren, und keinen dürstete; die Menschen wohnten in Frieden durch das, was ich tat, und sprachen von mir. Nun bitt‘ ich Anubis, mir zu erklären, warum er mich erwählte, das ‚Reich des fruchtbaren Halbmondes‘ aufzusuchen.“ Anubis entgegnete: „Der Mond stirbt im Osten, verweilt drei Tage in der Unterwelt, bevor er im Westen wieder aufersteht.“ – „Du sprichst in Rätseln.“ Anubis lächelte und sprach: „Zur Stunde der grössten Finsternis wird das neue Licht geboren.“ Menes schwieg und setzte seinen Weg fort. Am Abend holte er den Papyrus hervor und schrieb: ‚Noch kenne ich diese Finsternis nicht von der Anubis spricht. Auch bin ich mir keines Schattens bewusst.‘

Am siebten Tag hatten sie das Jordantal durchquert und liefen in der kleinen Siedlung Byblos ein. Menes war erstaunt die Siedlung unbewohnt vorzufinden. Anubis schien seine Gedanken zu lesen und erklärte: „Als der Nil wieder einmal über seine Ufer trat, das Land überschwemmte und die Ernte vernichtete, fühlten sich die Bewohner Byblos‘ gezwungen ihr Dorf zu verlassen. Prinz Rao, dem die Bewohner folgten, klopfte damals an die Stadtmauern eines neu errichteten Reiches, dessen erster König gerade erwählt war und den Thron bestieg. Und Rao bat um Zuflucht für sein kleines Volk. Der Herrscher jedoch hetzte seine Männer gegen sie und liess sie aus seinem Reich jagen.“ – „Das ist viele Jahre her. Ich war jung und…“ – „Ich weiss“, unterbrach ihn Anubis, „und du hattest nicht die Grösse, Raos Anliegen auch nur zu hören.“ Menes antwortete nicht. Die Nacht war hereingebrochen. Sie nutzten die verlassenen Backsteinbauten Byblos‘ um ihr Nachtlager zu errichten.  ‚Der Gott der Toten sucht mich mit den Irrungen meiner Jugend zu quälen‘, hielt Menes auf seinem Papyrus fest.

Als die Sonne am nächsten Morgen im Zenit stand, hatten Anubis und Menes bereits einen sechsstündigen Fussmarsch schweigend zurückgelegt. Mit einem Mal brach Anubis das Schweigen: „Du fragst nicht, weshalb ich dir meine Begleitschaft anbiete.“ – „Ich frage nicht, da ich keine Antwort erwarte.“ – „Ich will es dir sagen, Menes. Es ist eine Ewigkeit, die man im Totenreich bleibt, und der ist ein Narr, der die Totenrichter verachtet.“ – „Noch weile ich unter den Lebenden“, entgegnete Menes knapp. „Deine Tage jedoch sind gezählt.“ Menes blieb stehen. „Was willst du?“ – „Hab Geduld, Menes.“ Auf des Königs Papyrus war an jenem Tag zu lesen: ‚Anubis kommt einem Cerberus gleich aus der Hölle gefahren und im Mantel eines Weggefährten sucht er mich vom Pfad abzubringen, um mich am Ende den Göttern der Unterwelt zu opfern.‘

In Eridu teilte der Nil den Weg in zwei Abschnitte. Auf der einen Seite lag das Sagrosgebirge mit seinem mächtigen Felsenmassiv, auf der anderen Seite gelangte man zu einer Quelle. In Ägypten erzählt man sich: Aus dieser Quelle sei Thoth entsprungen – der Gott der Weisen. Seit altersher pilgern daher alljährlich die Menschen zu diesem Ort, um die Geburt Thoths zu feiern und sich mit dem Quellwasser zu waschen. Denn, so heisst es, wer seinen Körper mit dem heiligen Wasser reinigt, wird einst im Alter der Weisheit Licht erfahren. Obgleich Menes inzwischen wusste, dass das ‚Reich des fruchtbaren Halbmondes‘ hinter den steinernen Hügeln des Sagrosgebirges lag, folgte er dem Fingerzeig Anubis‘, zunächst den Weg zur Quelle einzuschlagen.

Es war der neunte Tag. Menes war durch die endlosen Fussmärsche langsam geschwächt, mehr jedoch als die körperliche Anstrengung, schwächte ihn die Anwesenheit Anubis‘. Dennoch folgte er ihm auf dem Weg zur Quelle. Die Aussicht auf eine kurze Rast und einen kühlenden Schluck, liess ihn weder aufbegehren, noch nach dem Grund für den Umweg fragen.

Am Rande der Quelle liessen sie sich nieder. König Menes beugte sein müdes Haupt über das Wasser und gerade als er sein Antlitz benetzen wollte, fing das Quellwasser zu zittern an, schlug zarte, kleine Wellen und anstelle seines Spiegelbildes sah er in Cherubas Gesicht. Im ersten Augenblick fuhr er zurück. Er glaubte, die Hitze des Tages hätte seinen Sinn verwirrt. Doch als er sich abermals über das Wasser beugte, bot sich ihm der gleiche Anblick: CHERUBA – wie sie zur Zeit ihrer jungen Liebe ausgesehen hatte. Ihr Gesicht, voller Anmut, lachte und strahlte Menes entgegen. Zum ersten Mal seit seiner Reise verspürte er eine Regung von Wehmut. Der Anblick hatte ihn zu rühren vermocht. „Seit Jahren hab ich dich nicht wieder so glücklich gesehen.“ Zärtlich suchte er Cherubas Wange mit den Fingerspitzen zu berühren, die Wasseroberfläche erzitterte und das Bildnis verschwand wie es gekommen war. Menes liess seine Hand sinken.

Er sah sich nach Anubis um, der während der bildhaften Erscheinung etwas abseits auf einem Stein Platz genommen hatte. Menes sprang auf, stürzte sich auf Anubis, schrie: „Du willst mich vernichten, du Ausgeburt der Hölle!“, erhob einen Stein und schlug auf Anubis ein. Doch der Schlag ging durch ihn hindurch und traf ins Leere. Anubis lachte: „Menes, du Narr! Den Gott der Toten vermag kein irdisches Mittel auszulöschen.“ Wieder und wieder suchte Menes auf ihn einzuschlagen, dann sank er erschöpft zu Boden. „Geh, du Höllenhund! Verschwinde!“ Anubis stand auf und trat vor ihn hin:

„Einige Jahre ist es her, da im Palast deines Reiches zu einem Fest geladen wurde. Den gesamten Hofstaat hatte man mit den Vorbereitungen betraut. Bis hin zur Stadtmauer glänzte prachtvoll-festlicher Schmuck. Die erlesensten, kostbarsten Speisen wurden aufgetafelt und man labte sich an den teuersten Früchten -…“ – „Halt ein!“ bat Menes kraftlos, „wenn du mich der Masslosigkeit anklagen willst, so sag es ohne Umschweife.“ – „Die Masslosigkeit“, entgegnete Anubis, „ist nur die Gier des kleines Mannes. Nein, was an diesem Tag geschah wiegt schwerer noch. Im grossen Ballsaal spielte man zum Tanze auf, die Luft war angefüllt mit Ausgelassenheit. Es schien, als träf‘ ein jeder Blick auf fröhliche Gesichter. Dem Geber dieses Fests jedoch stieg bald des Zornes Röte ins Gesicht. Er hielt die Augen fest an jenen Fleck gerichtet, an dem Cheruba stand und plaudernd sich vergnügte.“ – „Ein Jüngling stand bei ihr – IHM galt ihre Freude!“ – „Dass du Cheruba dein Weib nanntest ging ins dritte Jahr. Sie hatte dein Vertrauen nie missbraucht.“ – „Ich wollte auch ihr Lachen ganz für mich.“ – „Du schicktest einen Diener nach dem Jüngling und unter einem Vorwand lockte man…“ – „SCHWEIG! Mir ist das Ende wohl bekannt. Deine Zunge öffnet Wunden, die ohnehin nie ganz geheilt.“ – „Eins noch: Es war des Bruders Herz das du durchbohrtest.“ Menes, der sich einem Wurm gleich am Boden gewunden hatte, brach nun endgültig in sich zusammen. „Das lügst du mir! Du hast auf wilde Pfade mich gezerrt, zwingst mich zu Boden und kennst keine Gnade. Doch lass der Wahrheit einen Platz auf dieser Reise.“ – „Du bleibst ein Tor! Du glaubst, ich pflanze Irrlichter dir auf den Weg. Ihr Menschen! Verderben naht. Doch ihr bleibt blind, bis euer Fuss sich am glühenden Feuer verbrennt. Der Jüngling, den du morden liessest, war Abydos, Cherubas Bruder. Ihr Lachen, das du so geliebt, erstarb mit seinem Tod.“

In dieser Nacht wurde der alte König vom Fieber geschüttelt. Schweissperlen tropften ihm von der Stirn und tränkten den Papyrus, auf dem mit zitternder Hand geschrieben stand: ‚Das Recht wohnt bei den Göttern.‘

Am elften Tag hatte Menes sich vom Fieber erholt und er machte sich mit Anubis auf, das Sagrosgebirge zu überqueren. Einen Schritt breit war der Weg, der zwischen gewaltigen Felswänden und Schluchten hindurch auf die Seite führte, auf der das ‚Reich des fruchtbaren Halbmondes‘ lag. Anubis lief zwei Ellen weit hinter Menes. Sie sprachen nicht. Nur ihre Schritte waren zu hören und ab und an das Klirren kleiner Geröllsteine, die unter ihrem Tritt davonsprangen. Der Weg über das Sagrosgebirge war der mühseligste von allen. Nicht nur der unebene Boden machte das Vorwärtskommen beschwerlich, vor allem verlangte dieser Weg eine stete, ungedingte Wachheit. Und während Menes desöfteren innehielt, um neue Kraft zu schöpfen, schien Anubis keine Mattigkeit zu kennen. Bei Anbruch der Dunkelheit hatten sie gut die Hälfte des Weges zurückgelegt. Die Berge mit ihren Vorsprüngen und Abgründen gaben sich immer ungastlicher. Menes, der seinen Schritt verlangsamt hatte, blieb stehen: „Ich bin ein alter Mann, Anubis, und wenngleich kein Fleck hier oben einlädt sein Haupt zu betten, werd ich den müden Gliedern nun ein wenig Ruhe schenken.“ Anubis lächelte. „Ich werde wachen über deinen Schlaf.“

Menes war es, als hätte er stundenlang einem Toten gleich auf der steinigen Erde geruht. Als er die Augen aufschlug, sass Anubis noch immer an jener Stelle, an die er sich gesetzt hatte als Menes sich der Müdigkeit ergab. „Hat dich der Schlaf erfrischt?“ – „Dankbar bin ich, wieder erwacht zu sein. Lass uns nun weitergehn, die Sonne steht schon hoch.“ Menes trieb die Ungeduld. Das Ziel, das zu erreichen man ihm aufgetragen hatte – mit einem Mal schien es so nah. Wieder ging Anubis hinter ihm. Eiligen Schritts, gleichsam hastig trieb es den König voran. Auch gönnte er sich nun mehr nur noch wenig Rast und kürzeres Verschnaufen. Der Gott der Toten folgte seinem Schritt.

Zur Zeit, da sie den letzten der Bergkämme überquerten, war König Menes erneut am Rande seiner Kraft. Doch wollte er diesmal der Erschöpfung keine Beachtung schenken. ‚Nur diese Hürde noch, dann folgt der Abstieg und somit auch das Ende meiner Reise‘, durchzog es seine Gedanken. Die Ungeduld jedoch ist tückisch und hat die Unachtsamkeit zur Buhlschaft sich gewählt. Und so geschah es, dass unvermittelt ein Brocken des Gesteins sich unter Menes‘ Füssen löste, gleichdarauf polternd tosend in die Tiefe stürzte und den König mit nach unten riss. Ein Schrei des Schreckens brach aus ihm heraus. Doch hielt das Geschick eine schützende Hand über ihn – er hatte auf einem Vorsprung sich noch halten können. Mit schwacher Stimme rief er nach Anubis, der sogleich am Berghang erschien und zu Menes hinuntersah.

„Gib mir deine Hand, Anubis“, keuchte er. Anubis rührte sich nicht – sah ihn nur an. „Was ist? Willst du mich so verenden lassen?“ Anubis rührte sich noch immer nicht. „Am Ende glaub ich gar, dass du mir übel mitgespielt und du es warst, der diesen Stein ins Rollen brachte. Ich seh sie wohl, die Zeichen deiner Kunst.“ Anubis entgegnete lächelnd: „Vieles ist ungeheuer und nichts ungeheurer als der Mensch.“ – „So fass dich kurz. Fang an mit deiner Lehre, damit ich endlich deine Reden hinter mich gebracht.“ – „Wie mir von deinen Worten keins gefällt und keins gefallen wird, so sind auch meine Worte dir nicht angenehm“, gab Anubis zurück und reichte ihm die Hand. „Wird nun auch dir bewusst, was Furcht bedeutet!“ Menes schlug der Puls an seine Schläfen und dieser schmale Pfad, auf dem er Stund‘ um Stund‘ gegangen, war ihm jetzt lieb, da er am Leben war.

„Dass man dich König nannte, sein Haupt zum Grusse vor dir beugte und dir an Huldigungen sonst entgegenbrachte, ging ins siebte Jahr. Du hattest mit den Jahren zwei Gebiete dir vereint und zu eigen gemacht. Ein grosses Volk war dir nun Untertan.“ – „Mein Land war reich und bot genügend Platz.“ – „Doch dieser Reichtum war dir nicht genug. Und hatten vormals deine Leute dir schon Opfer gebracht, du wolltest mehr und kanntest nie ein Mass. Der Boden barg sehr viele Schätze und dass du reich an Erz und Salzen wurdest, verdankst du deiner Männer Blut und Schweiss.“ – „Ein jeder tut, was seine Vorsehung bestimmt.“ – „Bist du ein Gott?! Entscheidest du was oben und was unten?! Du glaubst dich gross, da du zum König einst erhoben warst. Die Menschen sind dem Irrtum alle unterworfen. Stets gabst du vor, dein Volk läg dir am Herzen und für sein Wohl nur sei der Gewinn bestimmt. Die Wahrheit jedoch ist, dass du am Volke dich bereichtert hast.“ – „Du redest Unerträgliches!“ – „Wer gab einst den Befehl, die Männer nach dem Feuerberg zu schicken, da man aus Ianis gehört er speie Gold! Und welcher Kopf hat dabei nicht bedacht, dass Weib und Kinder um die Männer bangen! Welch königliche Hand hat über alle Zweifel wohl erhaben jedwedes sorgenvolle Flehn hinfortgewischt!“ – „ICH war es! JA! Ich leugne nicht!“ – „Und als das Unheilvolle eingetreten, als Blut in Strömen floss, wer gab da Weib und Kindern Trost! Sprich!“ – „Menschliches Leben ist niemals frei von Verhängnis.“ – „Du sprichst, wie du’s verstehst!“

Der dreizehnte Tag war es, da sie das Sagrosgebirge hinter sich gelassen hatten und den Boden des ‚fruchtbaren Halbmondes‘ betraten. Nichts erinnerte hier mehr an die Steppenlandschaft. Das Land war eingetaucht in sattes Grün, hier blühten Blumen, gediehen Busch und Bäume und in den Sträuchern sassen bunte Vögel. Hier schien die Heimat des Lebendigen zu sein. Menes stockte der Atem beim Anblick dieses Reiches. Anubis jedoch wandte sich zurück: „Nun Menes, wird es Zeit für mich zu gehn.“ – „Den ganzen Weg hierher hab ich ertragen müssen, was du an Weh und Ach dir für mich aufgespart. Jetzt, da ich kurz vor meinem Ziel mich finde, schickst du allein mich vors Gericht?“ – „Die Zeit ist reif – du brauchst mich jetzt nicht mehr.“ Und er verschwand wie er gekommen war. „Du machst dich aus dem Staube und doch lässt du die Hölle mir zurück!“ Menes war ausser sich. Anubis hatte ihn verwirrt. ‚Am Ziel und gleichzeitig am Ende‘, dachte er. Erschöpft nahm er im Grase Platz, nahm Feder und Papyrus sich zur Hand und schrieb: ‚Unerfahren trifft den Menschen die Zukunft nie. Nur vor dem Tode weiss er keinen Rat.‘ Noch wusste Menes nicht welches Geheimnis das ‚Reich des fruchtbaren Halbmondes‘ für ihn verborgen hielt. Er ahnte nur, er müsse weitergehn.

Und Menes lief bis seine Beine ihm versagten. Die Ruhe, die das Land verströmte, erweckte Furcht und Misstrauen in ihm. Immer häufiger holte er die Papyrusrolle hervor und machte sich Notizen: ‚Das Reich ist von solch grosser Schönheit, dass man von Sinnen wird und den Verstand verliert. Mir bangt vor dem, was noch im Dunkeln ist und doch ist mir, als spürte ich im Herzen eine Freude.‘ Im Schatten einer Palme hatte Menes sein Nachtlager errichtet und noch vor Tagesanbruch erwachte er durch einen seltsamen Gesang.

‚So hämisch singen nur Erynnien. Die Schönheit dieses Ortes will mich narren, dahinter ist die Unterwelt zuhaus.‘ Nachdem Menes diese Worte auf seiner Rolle festgehalten hatte, machte er sich auf, den Ursprung des Gesanges zu suchen. Doch je näher er den Klängen kam, desto engelhafter drangen sie ins Ohr.

Zur Stunde des Sonnenaufgangs hatte er den Ort erreicht, der einer halbmondförmigen Insel glich, die ringsum dicht von Lilien bewachsen war. Und aus der Insel Mitte begrüsste der Gesang den neuen Tag: „Strahl der Sonne, schönstes Licht! Aufgegangen bist du – Auge des goldenen Tags.“ Menes, der durch das Meer von Lilien niemanden erkennen konnte, rief: „Wer ist’s, der singend hier die Sonne ehrt?“ Die Lilien bogen sich zur Seite und käfergleich trat eine Gestalt hervor: „Man nennt mich Khephra. Ich habe dich erwartet, denn ich bin hier, damit durch Torheit du nicht noch dein Alter schändest.“ – „So bin ich an dem Ort, der meiner Reise vorbestimmt?“ – „Du bist’s. Der Gott der Toten hat dich hierher geleitet, damit die Schatten deiner Seele sich verziehn.“ – „Was muss ich tun?“ – „Dein Volk, dein Weib Cheruba – sie haben Schreckliches durch dich erfahren. Doch sind die Götter denen gnädig, die durch ein Opfer jenen Glück und Freude wiederbringen, die einst gelitten unter falscher Hand.“ – „Der Himmel weiss, dass ich mein Weib geliebt. Sie war der grösste Schatz den ich besass. Mein Volk war gut – ich habe es geehrt. Allein, das Leben birgt verschlungne Pfade – ich war nicht stark genug den graden nur zu gehn.“ – „Du sprichst von Reue – fühlst du sie denn auch?“ – „Was muss ich tun, damit…“ – „Wenn es dein Herz verlangt die Lebenden voll Glück zu sehn, wird das Geheimnis länger keins mehr sein.“ – „Bei Horus – ja ich fühl’s!“- „So nimm die Sonne nun in Herz und Hände und bring sie schweigend dem neuen Morgen dar.“ Damit ging Khephra dem König entgegen, berührte ihn und Menes war befreit.

In Ägypten erzählt man sich, Cheruba, die einst das Volk beschworen hatte, die Rückkehr ihres Königs zu erwarten, habe nach langen Jahren des Wartens ihre Männer losgeschickt, das Reich, das er einst aufgesucht zu finden. Auch ihn, so heisst es, habe man gefunden, im Sande liegend, einem Käfer gleich. Die Hände vor dem Kopf geschlossen und in der Arme Rund eine Art Scheibe tragend. Und bei ihm fand man die Papyrusrolle, auf der als Letztes noch zu lesen war:

‚Das grösste Gut bleibt die Besonnenheit.
Die Götter soll man hoch in Ehren halten.
Des Stolzen grosses Wort zerfällt im Sturz.
Danach, im Alter, lernt er:
Recht zu denken.‘


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