Schraube locker?
erschienen im baz-Kulturmagazin am 17.12.08
unter dem Titel „“Heimwerkers Schlaraffenland“, ah
Seit ich denken kann, bin ich von Baumärkten fasziniert und begeistert. Und das, obwohl bei mir längst nicht „alles in Obi“ ist. Ich krieg nämlich nur jeden zweiten Nagel in die Wand und hab grossen Respekt vor elektrischen Sägen und schweren Bohrern. Dennoch treibe ich mich immer wieder in Baumärkten herum. Werde regelrecht magisch von ihnen angezogen. Vielleicht liegt es am speziellen Geruch dieser Hallen. Einem Geruch aus Abenteuer und Selbständigkeit. Einem Hauch handgemachter Freiheit.
Vielleicht liegt es auch am Unfertigen, das man da vorfindet. Ein Baukasten für grosse Leute, die davon träumen, ihr Leben eigenhändig zusammenbasteln zu können? Wie auch immer. Ich finde Baumärkte einfach herrlich. Man begegnet dort Menschen mit unterschiedlichsten Motivationen und in ebensolchen Outfits. Hier scheint sich die Welt zu treffen: Fliessen schleppend, Schläuche tragend, oder fachmännisch und gedankenverloren vor der Schraubenvielfalt. Traumhaft.
Und die Begeisterung der Einzelnen, die dort teilesuchend auf ihr Ziel hinarbeiten, ist ansteckend. In einem der zahlreichen Gänge beispielsweise, in dem Scharniere in allen Varianten und Grössen in verschiedenen Kästchen auf einen Hobbyisten warten, treffe ich eine Frau. Sie macht auf mich durchaus nicht den Eindruck, als könne sie mit all den Sachen gar nicht umgehen. Würde man allerdings dieser Frau auf der Strasse im ganz normalen öffentlichen Leben begegnen käme man aufgrund tradierter Bilder nicht auf die Idee, dass man hier an einer Person (mitunter achtlos und gleichgültig) vorübergeht, die ganze Gartenhäuser selbst entwirft und zusammennagelt.
Ich treffe sie, wie gesagt, bei den Scharnieren und frage, ob sie mir verraten wolle, was genau sie suche und damit vorhabe. Sie lächelt offen und antwortet gleichermassen: „Ich möchte eine zusätzliche kleine Türe für meine Tiere einbauen.“ Die Tür habe sie schon zurechtgesägt und entsprechend bearbeitet, jetzt fehle noch die passende Mechanik. Ob sie desöfteren heimwerkt, will ich wissen. „Unentwegt“, meint sie fröhlich und aufgeräumt. „Soweit es geht, mache ich alles selber.“
Im Gang der „schweren Maschinen“ und Werkzeuge treffe ich auf einen quirligen Mann, einen self-made-Typen par excellence. Beinah meditativ seh ich ihn vor dem Werkzeugarsenal stehn und wage nach einigem Zögern seine Konzentration zu stören. Er sei Hobbymechaniker aus Leidenschaft, sprudelt es mir entgegen. Und das zu glauben, fällt mir aufgrund seines jetzt strahlenden Gesichtes denkbar leicht. „Vor allem Oldtimer“, ergänzt er und überflutet mich förmlich mit Informationen über Fahrzeugtypen, Jahrgänge, Motor- und Karosseriearten. Dann macht er eine Pause. Für Sekunden betrachten wir schweigend das Werkzeugangebot. „Schrott“, sagt er plötzlich unvermittelt. Ich seh ihn an mit einem Fragezeichen im Gesicht. „Ehrlich“, erklärt er, „überwiegend Schrott“. Echtes Werkzeug, mit dem man auch echt arbeiten könne, finde sich nun mal nur in Fachgeschäften. Für Profibastler sei ein Baumarkt die absolut falsche Adresse. Warum man ihn denn dann überhaupt hier träfe, frag ich stirnrunzelnd. „Jaaa“, antwortet er gedehnt. Manchmal gäbe es eben doch auch das ein oder andere Angebot das sich lohne. Wieder entsteht eine Pause. „Wobei“, schränkt er gleich wieder ein, „die Bohrmaschinen sind hier eine Katastrophe.“ Er habe eine Hilti im Haus. Eine Hilti! – oohaa! Das ist Profiwerkzeug. „Eben“, meint er und ich schleich mich Richtung Infostand.
Wer informiert hier wen und welche Ausbildung ist dazu nötig? Das hat mich schon immer interessiert. Denn eine Frage drängt sich in solchen Hallen geradezu auf: „Gibt’s überhaupt noch Fachpersonal?“ – „Die meisten von uns waren in der Baubranche tätig“, erklärt mir der nette Mann am ‚i-Punkt’. Er selbst konnte in seinem Bauberuf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr weiterarbeiten – so sei er schliesslich hier gelandet. Und das Publikum? „Amüsant“, lacht er „meist so wie der gerade“. ‚Der gerade’ war ein Kunde, der nach einem genauen Schraubenmass suchte und detailliert beschrieben hatte, was er wie wann und wo vorhabe. Aber der Mensch von der Info hilft gerne. „Dafür sind wir da“, sagt er fast einem Werbeslogan gleich. Und er selbst? Bastelt und baut er auch zuhause? „Nicht mehr“, lautet die nüchterne Antwort, „früher habe er schon viel gemacht. Heute bleibt aufgrund des Jobs gar keine Zeit mehr.“ Mit einem Mal wiegt er seinen Körper von links nach rechts und zurück, um dann freundlich aber bestimmt zu bemerken: „Wenn Sie über uns berichten, dann muss ich das mit der Personalabteilung absprechen.“ Ich versuche ein charmantes Lächeln und schwäche ab: „Nicht nötig. Es wird ja niemand namentlich erwähnt.“ Wozu auch. Wir alle wissen, dass es einen Obi gibt, ein Bauhaus, einen Hornbach, einen Hagebau, den Toom, den Bau & Hobby des Coops… und wie die do-it-yourself-Läden sich alle nennen mögen. Der eine ist gross, der andere günstiger, der nächste gut organisiert und aufgeräumt, im einen findet sich engagiertes Personal im anderen Verständigungsschwierigkeiten. Aber letztlich gleichen sich alle – irgendwie.
Vor allem gleichen und häufen sich die Anekdoten, die ein Baumarktleben und Heimwerkerdasein erst so richtig liebenswert machen. Die Geschichte beispielsweise jenes amerikanischen Professors in Deutschland. Er hiess Robert Knych, unterrichtete in der amerikanischen Siedlung meiner Heimat, konnte nicht gut Deutsch, kannte jedoch das Wort „Schrank“. Robert versuchte stets sein Haus zu verschönern, war allerdings handwerkertechnisch eher unbegabt. Den Schrank, an dem die Türen schon fast abfielen, wollte er so reparieren, dass die Türen wieder gut fixiert und dadurch auch wieder zu öffnen und zu schliessen waren. Was er letztendlich jedoch präsentierte, waren Schranktüren, die er einfach zugenagelt hatte. Somit war das Problem der herausfallenden Türen zwar gelöst, die Türen selbst natürlich leider funktionslos. Sein stolz ausgerufener Satz: „I fixed the Schrank!“ wurde in unserer Familie zum Dauerlacher und Bonmot.
Überhaupt gab es in unserer Familie genügend Erlebtes, um von Anfang an und für immer die Finger vom „Selbstgemachten“ zu lassen und gleichfalls einen Bogen um jeden Baumarkt zu ziehen. So hatte ich als Jugendliche ein nahezu haarsträubendes Erlebnis. Ich hatte mich im Badezimmer eingeschlossen, was Mädchen im pubertierenden Alter gerne tun, um mich „aufzumotzen“ für den Ausgehabend. Schminke im Gesicht, Schaum im Haar, steckte ich den Fön in die Steckdose und kaum dass ich ihn angeschaltet hatte: PENG! Und zeitgleich um mich herum tiefste Nacht. Ich dachte, man hätte mich erschossen. Meine Phantasie war damals westerndurchtränkt genug. Mein Schrei im ganzen Haus zu hören. Ich tastete mich aus dem Bad hinaus durch die Kurzschlussfinsternis. Mein Vater lachte verlegen und meinte entschuldigend, er habe den Wackelkontakt beheben wollen und dabei die einzelnen Kabel wohl nicht recht zusammengebracht. Klasse! Der Schreck sass mir lange in allen Gliedern, das Gelächter innerhalb der Familie war ebenso anhaltend.
Und dem nicht genug folgten unter Lachsalven andere Geschichten. Die etwa, in der mein Vater, ganz der selbst ernannte Heimwerker, mal eben nebenbei die Deckenlampe im Zimmer meiner Grossmutter reparieren wollte. Beim Werkeln glatt einen derartigen Schlag versetzt bekam, dass er sich gleich darauf leicht angekohlt auf ihrem Sofa wiederfand.
„Die meisten Unfälle passieren im Haushalt“, liest man häufig in der Presse. Tja ja und die groteskesten werden nur in Glossenform gedruckt. Wie auch immer. Handwerk hat goldenen Boden, ist vielleicht nicht ganz ungefährlich, aber man zahlt das Leben ja ohnehin mit dem Tod.
In diesem Sinne: Entschuldigen Sie mich jetzt bitte – ich muss los! Im Baumarkt gibt’s nämlich jetzt auch Tannenbäume. Und die schönste Nordmann – die ist meine.
Frohe Zeit!
