Yves Herzog
Portrait eines strahlenden Barmanns, Februar 2009, ah.
erschienen im baz-Kulturmagazin am 19. Juni 09
Von nachmittags bis abends Barmann
den Rest der Zeit Strahlemann
Über all die Jahre, in denen ich Gast in der Teufelhofbar bin, denke ich: ‚Über diesen Menschen müsste man doch mal was machen!’ Und es ist reiner Zufall, dass jetzt, wo ich mein Vorhaben endlich umsetze, eben jener Mensch sein 20-jähriges Jubiläum feiern kann. Mein Anreiz war und ist nämlich ein ganz anderer. Ich hab mich gefragt, wie es angehen kann, dass ein Mensch immer derartig gut gelaunt ist, sich in seinem Wesen lediglich Strahlen und Lachen abwechseln. Wo bleiben die Ecken und Kanten? Die Abgründe?
Entschlossen, die schattigen Seiten dieses Mannes aufzuspüren, verabredete ich mich zum Interview. Zum Interview mit Yves Herzog, DEM Barmann des Teufelhofs. Und was macht der? Kommt überpünktlich zum Termin und strahlt! Das gibt’s doch nicht! Kann Lächeln eine Krankheit sein? Wird Sympathie mitgeliefert bei der Geburt? Ist Strahlen vererblich? Wir duzen uns spontan. Bei so viel Lockerheit und natürlichem Frohsinn würde ein „Sie“ auch recht sperrig wirken. „Was willste trinken?“ – „Wasser.“ Er tänzelt davon, um kurz darauf mit zwei Fläschchen zurückzukommen. Auf einem steht passend „Allegra“. Da sitzt er mir also gegenüber und – ja – strahlt. „Man hat schon in jungen Jahren ‚Strahler‘ zu mir gesagt“ bemerkt er unspektakulär. Liegt das in der Familie? Könnte sein, meint Yves, geht aber eher davon aus, dass das halt schlicht sein Wesen sei. Das Leben ist gut, alles bestens, wieso also nicht strahlen. Ja, wieso eigentlich nicht?!
Wie er auf die Idee gekommen sei Barmann zu werden, will ich wissen. Traumjob? Wunschberuf? Nee, reingerutscht, lautet seine Antwort und dann lacht er. Und Yves Herzog kann lachen, dass man es im eigenen Körper spürt. Er hat sich in seinem ganzen Leben noch nie für eine Stelle beworben. Das habe sich immer ergeben. Und die Kurzform zum Job im Teufelhof geht so: Da gab’s eine Baustelle und der Küchenchef erklärte ihm, das hier dann ungefähr die Bar entstehen soll. „Da dacht ich: Das könnte witzig werden.“ Ein paar Tage später hatte Yves Herzog ein Gespräch mit „den Thommys“ – wie Teufelhoffans und Insider das Unternehmerpaar liebevoll nennen. Bingo! Die Sache war geritzt. In etwas einsteigen, was noch nicht existiert, sieht Yves Herzog als grosse Bereicherung. „Meist kommst du ja wo rein, wo schon alles da ist“. Das war vor 20 Jahren in Sachen Teufelhof natürlich überhaupt nicht der Fall. Da brauchte man als Aussenstehender schon auch eine Portion Phantasie, um sich überhaupt vorstellen zu können, was das alles mal werden wird. Ja. Und dann sei er da reingewachsen. Klar habe er vorher schon in Hotels gearbeitet. „Radisson“, „Hilton“ und so weiter. Er ist in jungen Jahren auch mal auf einem Schiff gewesen für die Saison von 6 Monaten.
Wenn er davon erzählt strahlt er nicht mehr, sondern leuchtet. Eine tolle Zeit muss das gewesen sein. Aber auch eine nicht ganz ungefährliche, denn: Viele, die einmal auf einem Schiff gewesen sind, wollen nicht wieder an Land. Da müsse man dann ganz klar wissen und verfolgen, was man wirklich möchte. Yves wusste es. Yves wollte ein richtiges Zuhause, kein Kajütendasein. Ausserdem war er viel zu neugierig auf alles, was das Leben sonst noch zu bieten hat. Ist er nun mit dem Teufelhof vor Anker gegangen? Immerhin hält ihn die Bar seit 20 Jahren im „Teufelshafen“. „Wenn du mal einen solch guten Arbeitsplatz gefunden hast, an dem du dich wohl fühlst, gibt es keinen Grund zu wechseln.“ Er sagt dies so echt und ehrlich, dass ich beinah etwas neidisch werde auf so viel Glück und Zufriedenheit. „Hier herrscht ein grosses Vertrauen, viel Freiheit und hier geht immer was“, sagt Yves und muss schon wieder strahlen. Seit er im Alter von 33 Jahren die Bar eröffnete hat sich viel bewegt. Das sei das Tolle. Und jetzt durch den Besitzerwechsel sei schon wieder so viel in Bewegung. Alles klingt, als würde er von seiner grossen Liebe schwärmen. Oder hinkt der Vergleich? Yves überlegt kurz und meint dann: „Nein, das kann man so sagen. Ja, das ist wie eine Liebesbeziehung.“
Auf dem Weg nach Hause hatte ich tatsächlich das Gefühl, die Sonne würde scheinen.
Mitten im grauen Februar.
