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Der Hinterhof lebt – Es lebe der Hinterhof!

aus der Rubrik „gelebte Geschichten“ Juli 2009, ah.
erschienen im baz-kulturmagazin am 22.09.09
(pünktlich zum Herbstanfang)

Es ist wahr.
Die meiste Zeit verbringe ich auf meinem Balkon. Man könnte sagen: Ich bewohne ihn. Ich esse und arbeite auf diesem Balkon, träume auf ihm und richte mir dort von Zeit zu Zeit sogar mein Nachtlager ein. Mein Balkon ist mein Fenster zur Welt. Und es ist nicht irgendein Balkon. Es ist der Balkon zum Hinterhof. Und dieser Hinterhof ist voll unsichtbaren Lebens. Das macht ihn so geheimnisvoll und geschichtenreich. Und dieses Leben richtet sich ganz organisch nach den Jahreszeiten. Im Herbst und Winter geben Bäume und Sträucher in ihrer Kahlheit zwar den Blick auf die Nachbarschaft frei, aber diese hüllt sich in dieser Zeit in Schweigen ganz wie Frost und Schnee. Mit dem Erwachen des Frühlings jedoch entstehen Geschichten, die, wenn auch nur akustisch, der Anonymität verschiedene Gesichter geben. Noch vor dem Sommer herrscht Dickicht im Hinterhof und das satte Grün verhüllt den Blick auf Nebenan und Gegenüber wie ein natürlicher Vorhang. Die tragende Resonanz freilich bleibt erhalten.

Da ist zum Beispiel der Rülpser. Der, wie ferngesteuert, pünktlich zur wärmeren Zeit seinen Mehrfachrülpser schallend in den Hinterhof entlässt, als blasse er zum Kampf. Ich hab ihn nie gesehen. Hab mir sein Äusseres und sein Leben lediglich aufgrund seiner Körpersignale zusammengebastelt. Kahlköpfig erscheint er mir. Und ich wähne ihn als Single – sozusagen als Ein-Mann-Rülpser. Da ist Frau Schrill, die mit ihrer Alarmstimme leidenschaftliche Monologe für ihren Mann hält, oder wahlweise ihr Töchterchen Caterine (mit Betonung auf der letzten Silbe) zur Ordnung ruft. Da gibt es das Pärchen, welches sich zu ganz unterschiedlichen Tageszeiten dem Liebesspiel hingibt. Immer im gleichen Rhythmus und in gleicher Melodie. Aber das bemerkenswerterweise schon seit Jahren. Es scheint sie noch zu geben, die ewige Liebe. Da gibt es den Teppichklopfer und den Müllsackkleber, den Herrscher über Kind und Frau, den verträumten Blumengiesser und den Zigarettenschnipper. Es gibt den Handykoch, den Live-Gitarristen und die Wasserreinigerin.

Sie alle sind nie sichtbar, aber immer präsent. Sie treten hörbar in Erscheinung: Solistisch, synkopenhaft, kanonisch oder orchestral. Mein Hinterhof ist ein Orchestergraben, in dem jeder sein persönliches Instrument zu spielen beginnt ohne es vorher gestimmt zu haben. Eine natürliche Dissonanz all’improviso. Im steten Wechsel. Und immer mit der Vorgruppe „Gli uccellini“, die sich singend, zwitschernd und trillernd im grünen Dickicht ab Sonnenaufgang formiert.
Es ist mein persönliches open air festival, das so lange andauert bis Väterchen Frost die Akteure in ihre Anonymität zurückpfeift.


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