Gar nix los!
gedankenvoll in den Raum gestellt im Juli 2009, ah.
erschienen im baz-Kulturmagazin am 31. Juli 09
„Was möchtest du mal werden?“ ist eine Frage, die ein jedes Ohr schon einmal vernommen hat. Es ist die Frage, womit man vorhabe sein Leben zu unterhalten, und gleichzeitig die Frage, womit man die überwiegende Zeit seines Lebens zubringen möchte. Und es ist sinnvoll, gut darüber nachzudenken, bereits Gefasstes immer mal wieder zu überprüfen, gegebenenfalls neu zu entscheiden. Es ist nämlich auch die Frage nach Begabung, Neigung – womöglich sogar die Frage nach des Lebens persönlicher Freude. Was macht mich glücklich? Was soll Inhalt meines Lebens werden? Die Frage nach dem, wer oder was man werden möchte, geht jedoch noch weiter. Sie umfasst politische Ansichten, gesellschaftliche Draufsichten und all die Seinsmerkmale, auf die wir scheinbar keinen direkten Einfluss haben. Mentalität. Herkunft. Erziehung. Bildung. Merkmale, die uns eine jeweilige Kultur und Zivilisation automatisch an die Lebensweste heften. Wer ich bin, ist somit beinahe relativ. Wer ich sein möchte, fast schon philosophische Nachdenkerei. Psychologen messen dem Lebensinhalt einen grossen Stellenwert bei. Inhalt bedeutet „erfüllt sein von“. Und eine Erfülltheit ist nah am Glücklichsein. Und ist uns das Leben nicht genau dafür geschenkt? Wer schon ein paar Jahre auf diesem Erdenball verbracht hat und weiter entfernt ist von der Ausgangsfrage: „Was möchtest du mal werden?“, weiss, dass auch Glück sehr relativ sein kann und sich mehr als eine Frage der Perspektive entpuppt. Es ist die altbekannte Formel „Halb leer oder halb voll“. Glück geht also einher mit Zufriedenheit. Zufrieden- und damit regelrecht Befriedigtsein kann allerdings auch ein Tyrann, der Frau und Kinder gebeutelt vor sich sieht, nachdem er sie – gemäss seinem Inhaltsplan – gehörig zusammengeschrien und verprügelt hat. Erfüllend kann für einen sein, es zum x-ten Mal geschafft zu haben, seinen Kehrricht heimlich und damit illegal zu entsorgen, Gesetze zu übertreten, ein Leben in gefühlter Eigenregie zu führen.
Warum also überhaupt darüber philosophieren? Warum überhaupt sich um Inhalte und darum kümmern, was der Nachbar tut? Warum auch sollte sich ein Nachdenken lohnen, wenn nach wie vor ein „Geht mich nix an“ über allem schwebt? Ob unmittelbar oder weiter weg. Seien wir froh, dass keiner richtig hinguckt, und wenn er was sieht, vielsagend schweigt. So gesehen, ist nämlich gar nix los. Nur das Glas ist natürlich mal wieder halb leer.
