anette herbst, ah-effekte

Willkommen auf ah-effekte, der persönlichen Homepage von Anette Herbst und der Schnürliprinzessin!

Herrlich gestört!

ein persönliches coming out, Juli 09, ah.
erschienen im baz-kulturmagazin am 17.09.09

Dass ich nicht alle Tassen im Schrank habe vernahm ich schon des öfteren. Und genaugenommen ist dies bei meinen pekuniären Verhältnissen auch nicht weiter verwunderlich. Die ein oder andere geht im Lauf der Jahre schon mal zu Bruch und für eine neue fehlt dann das nötige Kleingeld. Meine zuweilen ausufernde und stets blühende Phantasie wurde mir bereits in meiner Kindheit attestiert. Auch fällt in meiner Gegenwart heute noch gerne der Spruch, ich habe mehr Glück als Verstand. Zudem gelte ich als Künstlerin. Und alle Künstler sind bekanntermassen ausgewiesene Spinner. Seit einem halben Jahr ist nun allerdings auch amtlich, was ich beinah schon wieder vergessen hatte: Ich bin neurotisch gestört. Oh ja! Schwarz auf Weiss hat man mir das zugeschickt. Und das Wichtigste daran: Dagegen bin ich nicht versichert! Ja, dagegen kann ich mich nie und nirgends je versichern. Das heisst, 42 Jahre lang war ich neurotisch versichert, so dass es schon beinahe gestört war. Gut, keiner, nicht einmal ich, wusste schliesslich von dieser meiner gravierenden Macke. Somit war ich rundherum gesund gestört und gleichzeitig versichert. Das hat sich Anfang dieses Jahres ZACK geändert. Ich habe die Krankenkasse gewechselt und gab wahrheitsgemäss im Fragebogen an, dass ich aufgrund einer recht unschönen beruflichen Zwangsveränderung einen Arzt benötigte, der meine seelischen Wirbel wieder übereinanderstellte. Soso. Aha. Ich sei also in schlechter psychischer Verfassung gewesen? Richtig. Hmmm. Die Krankenkasse überlegte eifrig und der Vertrauensarzt kam zum Schluss: Ich leide unter neurotischen Störungen und man könne mich nur aufnehmen, wenn ich mein Einverständnis gebe, dass sie diese meine Störung aus der Versicherung ausschliessen müssen. Ich rief meinen Arzt an: „Ich bin neurotisch gestört!“ eröffnete ich das Gespräch. Er lachte: „Ja, das sind wir leider alle.“ Beruhigend fand ich das nicht. Mir bleibe keine Wahl, meinte er weiter, ich müsse diesen Vorbehalt unterschreiben, brauche mir weiter jedoch keine Sorgen zu machen, denn eine „neurotische Störung“ sei keine medizinisch haltbare Diagnose. Das ist meiner Versicherung mitsamt ihrem Arzt des Misstrauens jedoch vollkommen schnuppe. Der Blick ins Fremdwörterbuch macht die Lage noch prekärer: „Neurose: hauptsächlich durch Fehlentwicklung des Trieblebens und durch unverarbeitete seelische Konflikte mit der Umwelt entstandene krankhafte, aber heilbare Verhaltensanomalie mit seelischen Ausnahmezuständen und verschiedenen körperlichen Funktionsstörungen ohne organische Ursachen“. Meine Organe sind in Ordnung, ansonsten bin ich zerrüttet – immerhin mit Heilungschancen. Das merk ich mir nicht nur, das druck ich auf unbeholfene Zettel und schliesse mich der Bettlermafia an. So bin ich nicht nur mitten im Trend der aktuell blühenden Abzocke, sondern kann die Rechnungen zahlen, die mich das Aufklärungsschreiben meiner Krankenkasse beim Psychologen kostet. Und ob das gestört ist, ist mir von Herzen sehr egal. Weiss ich doch, dass die einzige Blume, die auf Beton wächst die Neurose ist.


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