anette herbst, ah-effekte

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Ich habe – also schmeiss ich

Ich brauche – also schlepp ich
Ein Gratisevent der Stadtreinigung Basel-Stadt
Juli 2009, ah.
erschienen im baz-Kulturmagazin am 30. Juli 09

Der Tag davor ist ereignisreicher als die Aktion am Tag selbst. Denn die heisst nüchtern: Sperrmüll. Diesmal datiert auf den 29. Juli. Anfang April gab es bereits eine solche Gratisaktion der Stadt Basel, die gleich darauf bitter bereut wurde. Basel befand sich aufgrund dessen nämlich mit einem Mal im Ausnahmezustand. Ganze Strassen waren nicht mehr befahrbar. Quartiere zugemüllt. Die Zeitungen zwei Tage voll davon. „Ich schäme mich für alle!“ hörte ich eine junge Mutter, die sich womöglich gleichzeitig an ihre pädagogischen Grenzen gebracht sah. Wie sollte man seinen Kindern auch diesen ghettoähnlichen Zustand erklären, der sozusagen über Nacht die Stadt befallen und die Arbeiter der Stadtreinigung an den Rand ihrer Kräfte gebracht hatte? Wo um alles in der Welt hatte all das vorher sein Dasein gefristet, was nun vor Häusern ausgebreitet, kaputtgewühlt und gänzlich unbrauchbar die Gehwege belagerte? Wirkte das rotgedruckte „Gratis“ vor der Ankündigung „Sperrgutabfuhr“ etwa als geheimes Codewort, welches die Schleusen sämtlicher Keller und Dachböden zu öffnen vermochte, in denen jahrzehntelang Vergessengegangenes plötzlich in Bewegung kam?

An jenem 8. April hatte man das Gefühl, die Bewohner Basels hätten sich von allem befreit, was ihr Leben bis dahin materiell beschwert hatte. Nachdem tagsdarauf die Spuren dieser Privathaushaltsgrundreinigung beseitigt waren, atmeten alle Strassen, Gassen und Winkel auf wie nach der berühmten aristotelischen Katharsis: Der Bürger hatte sich übergeben, die Menschen hinter der „Hilf mit für e suuberi Stadt“-Parole hatten es weggewischt. Schon Max Liebermann meinte, man könne gar nicht so viel essen wie man kotzen möchte. Spätestens nach dieser zweiten Gratis-Sperrgutabfuhr wird klar: Liebermanns Satz hätte lauten müssen: Man kann viel mehr kotzen als man zu essen vermag. Die leergeräumten Keller und Dachböden waren nämlich nur gedacht entleert. Denn wie sonst kann die Stadt erneut von so vielen Matratzen, Stühlen, Gestellen, Beuteln, Klamotten, Plastikspielzeugen, Spiegeln, Plüschtieren, Tischen, Computerteilen, Koffern, etc., etc. umspült werden? Die Codezahl 29. Juli förderte den ganzen Ramsch zutage. Und dem nicht genug gleicht der Mensch am Tag vor der Abholung einer lauernden, stöbernden, gierigen Ratte. Er schwärmt aus. Wahlweise ausstaffiert mit füllbaren, grossen Taschen, transportfähigen Kinderwagen, oder Autos, deren Kofferraum genügend Platz bietet, um das, was andere entsorgen als Beute zu sich nach Hause zu karren.

Eine Art Recycling, die eines erahnen lässt: Dass sich am 18. November das ganze Spektakel müllträchtig wiederholt. Und spätestens dann wird zu lesen sein: „Gratis-Sperrgutabfuhr – ohne uns! Ihre Stadtreinigung“. Weil das Wort „Gratis“ eine derartige Eigendynamik mit sich bringt, in der jegliches „WAS“ und „WAS NICHT“ emotions- und rücksichtslos ausgeblendet bleibt.


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