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Willkommen auf ah-effekte, der persönlichen Homepage von Anette Herbst und der Schnürliprinzessin!

Münz für die Waschmaschine

Über Gelegenheitsspieler, Croupiers und Süchtige
– ein Besuch im Spielcasino
erschienen im baz-kulturmagazin März 2008, ah.

„Friedrich-Miescher-Strasse“ tönt es aus den Lautsprechern. Mein Herz klopft, ich bin aufgeregt. Bis auf einen, der im Bus sitzen bleibt, steigen alle an dieser Haltestelle aus. Sie alle haben wie ich an diesem Abend dasselbe Ziel: Das Spielcasino. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite glänzt es mir entgegen, in einem verheissungsvollen Rot. Und scheint so prall gefüllt, so erdbeerlecker, dass man seine Zunge danach ausstrecken möchte. Ein appetitliches Gebäude, ohne Zweifel. Ob die mich überhaupt reinlassen? fährt es durch meinen Sinn. „Frauen in Jeans oder in zu sportlichem Outfit ist unabdingbar der Zutritt zu verwehren“ hab ich irgendwo gelesen. Wo ist überhaupt der Eingang? Ich übe meinen coolen Gang, schlendere einfach den andern hinterher und versuche meiner Haltung etwas Sorgloses zu verleihen. Keiner soll gleich von Anfang an merken, dass ich zum ersten Mal ein Spielcasino betrete. Die Drehtür zumindest merkt nichts, dreht einfach weiter und – SCHWUBB – bin ich drin. Garderobe abgeben. Aha. Kostenlos, das freut mich. Ausweis vorzeigen. Mach ich. Keiner sagt was. Dafür wird viel gelächelt und genickt. Freundlich. Einladend. Und nun? Am Ende des Foyers eine Bar, rechts davon ein Restaurant. Und zu meinem Erstaunen: Überall Menschen. Auf Barhockern trinkend, an den Restauranttischen essend. Überhaupt herrscht ein reges Treiben. Das überrascht mich. Hatte tatsächlich geglaubt, vor 18 Uhr würde mir noch viel Leere entgegengähnen.

In der Mitte Rolltreppen. Die eine führt hinauf, die andere hinunter. „Unten anfangen“, denke ich und muss grinsen ob der Zweideutigkeit. „Spielbanken üben seit jeher eine Faszination auf die Menschen aus“, hatte ich auch gelesen und betrete, unten angekommen, eine eigene Welt. Ohne die Stadt verlassen zu haben, den Kontinent, den Planeten, befinde ich mich in einer fremden Galaxie. Riesenhaft kommt er mir vor, dieser „unterirdische“ Raum, gefüllt mit Spielautomaten in x Variationen und Menschen aller Art. Die Beleuchtung verleiht eine Club-Atmosphäre, als wollte sie sagen: „Wir sind hier unter uns.“ Beinah jeder der Hocker, die jeweils vor den Automaten montiert sind, ist besetzt und man kann es lange auf ihnen aushalten, so bequem sind die gepolstert.

Denke kurz an den Film „Casino“ von Martin Scorsese und bestätige innerlich, dass, wer ein Casino hat, ein reicher Mensch ist. Ich gehe langsam durch alle Reihen. Die gespannte Aufmerksamkeit, die Konzentration auf die Maschinen, die ernsthaften Gesichter – das alles spricht gegen ein „Hallo, wie geht’s, wie läuft’s denn so?“. Lieber nicht.

Auffallend ist, dass kaum jemand sich unterhält. Nicht mal das Pärchen, das Pommes essend an einem ganz normalen Bistrotisch sitzt und offenbar Pause macht. Dafür wird viel geraucht. Ich sehe, wie eine Hunderternote in einen Automaten wandert, wie sie eingesaugt und verschluckt wird. Hundert Franken! Und wieder denkt es in mir. Nämlich an all die Situationen im Leben, in denen ich Freunde um einen Giacometti, also einen Hunderter angepumpt hatte. Und da wandert mir nichts, dir nichts, dünn wie Giacometti selbst jene Note in die Eiseskälte eines Automaten. Naja, warmgespielt war sie sicherlich.

In sich geschlossen kommt mir diese Galaxie vor. Ich entscheide, die Rolltreppe nach oben zu nehmen. Insgeheim, ich kann’s nicht verleugnen, bin ich nämlich auf der Suche nach dem, was das Gebäude äusserlich verspricht: Glanz und Glamour. Im obersten Stock ebenfalls ein reges Treiben. Der Glamour jedoch muss auf der Rolltreppe verlorengegangen sein. Der Unterschied zwischen diesem ‚unten’ und ‚oben’ besteht einzig darin, dass es hier Tische gibt, an denen gespielt wird. Black Jack, Roulette und ein Spiel, dessen amerikanischer Name mir einfach nicht bleiben will. Unerheblich. Ich verstehe nichts. Gehe zunächst an die Bar. Wissend und selbstsicher sage ich zum Barkeeper: „Einen Primitivo, bitte“. Dass der hier ausgeschenkt wird und von guter Qualität ist, weiss ich von einem Berufsspieler. Nennen wir ihn Mister Roulette. Ein Mensch, sympathisch, mit Herz, Humor und süditalienischem Temperament. Italiener spielen gerne, tun sich allerdings beim Verlieren etwas schwer. Was dann schon mal zu kleinen Heftigkeiten führen kann, wie ich später von einem Croupier erfahren sollte. Die Asiaten verlieren mit einem Lächeln, den Südländern steigt die Zornesröte ins Gesicht. So, wenn auch nicht ganz so literarisch, drückte sich der Croupier aus. Jedenfalls hat mir die Auskunft von Mister Roulette treffsicher einen Primitivo in die Hand gespielt.

Entschliesse mich dann, zwanzig Franken in Jetons zu tauschen. Der Reiz ist zu gross und wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Zwanzig Franken – ein Klacks für manche, für viele ein Stundenlohn. Ich weiss das. Habe oft genug für weniger pro Stunde harte Arbeit geleistet. Jetzt liegen vier Plastikscheiben vor mir. „Einer, der als Besucher kommt, soll sich nie dazu verleiten lassen zu spielen!“ mahnte mich Mister Roulette. Keine fünf Minuten später sind alle vier Plastikscheiben in einem schwarzen Loch verschwunden. Herrje.

Dem Croupier auf dem Hochsitz war aufgefallen, dass ich weniger als keine Ahnung habe, was hier vor sich geht und spielt mir eine Karte zu auf der der Kessel mit seinen 36 Zahlen sowie Spielmöglichkeiten abgebildet sind. Man hilft gerne und ganz selbstverständlich.

Links von mir wird ein Tisch neu eröffnet. Blitzartig werden Jetons gesetzt. Von wem? Es ist nicht mehr auszumachen, da die, die gesetzt haben, sogleich weitergegangen sind. Keiner bleibt an diesem Tisch stehen. Ich nutze die Gelegenheit, um mit dem Croupier zu plaudern. Ein offener, sympathischer Mensch, ungefähr in meinem Alter. Er antwortet bereitwillig und entspannt auf all meine Fragen. Mir scheint, er freue sich sogar, dass sich in dieser anonymen Atmosphäre jemand für ihn interessiert. Er mache diesen Beruf nun schon ein paar Jahre. 45 Minuten dauere eine Arbeitseinheit am Tisch dann habe man 15 Minuten Pause. Ob ihm das Spass mache, möchte ich wissen, da ich es mir langweilig und ermüdend vorstelle, Jetons einzusammeln und alle paar Minuten „Faites vos jeux!“ zu sagen. Kennen Sie einen Arbeitsplatz mit so vielen Pausen? fragt er lächelnd zurück. Warum denn keiner an seinem Tisch verweile. Die Leute spielen an mehreren Tischen gleichzeitig und laufen deshalb immer herum. „Schauen Sie, diese Dame mit den kurzen Haaren spielt immer an mindestens drei Tischen. Sie spielt ausschliesslich mit Hunderterjetons…“ Und sie vertraut Ihnen blind? Hier geht alles seriös zu. Die Croupiers hier oben beobachten das Geschehen an zwei Tischen und über jedem Tisch zeichnet ‚das Auge’ alles auf. Gibt’s manchmal Krawall? Nein. Ganz selten. Und im Zweifelsfall würden die Aufzeichnungen durchgesehen. Für das Auge also breitet er jeweils die Geldscheine auf dem Tisch gut sichtbar aus, wenn jemand am Tisch selbst Bares in Jetons wechselt.

Ein alter Mann steht nun neben mir. In der linken Hand einen Turm Jetons. Dünn, beinah zerbrechlich wirkt er auf mich. Sein Gesicht ist blass und wirkt müde. Ein abgetragener Anzug hängt um seinen Körper. Ich schätze ihn auf Ende 70. Er nimmt ein Drittel seines Jetonturms in die rechte Hand und setzt. „Rien ne va plus“, meint der Croupier und fährt mit Hand und Arm über den Tisch. Eine fast beschwörende Geste. Der alte Mann gewinnt. Ich freue mich, wende mich ihm zu und sage auf Schweizerdeutsch: „Sie händ au no Glück!“ – „Hä! Glück!“, erwidert er, ohne mich anzusehen, „ich weiss gar nid wie mer das schriibt!“ – „Mit ‚ck’“, antworte ich und versuche ein Lächeln. Er geht kopfschüttelnd. Glücksspiele machen also nicht glücklich? Auch dann nicht, wenn man gewinnt?

Der Saalchef kommt auf mich zu. Sofort kommt mir Martin Scorseses Casino-Film wieder in den Sinn. Nein, der Saalchef ist kein Robert De Niro, aber auffallend attraktiv, erschreckend jung. Sonnenbräune im gepflegten Gesicht, aufrechte Haltung. „Guten Abend, Madame“, sagt er und ich vergesse für einen Augenblick mein brockenhausähnliches Äusseres. „Sie interessieren sich für das Roulette?“ Ich nicke. „Am Tisch vorne an der Rolltreppe findet in wenigen Minuten eine Einführung statt.“ Ich bedanke mich höflich. „Gerne Madame.“

19.30 Uhr. Einführung ins Roulettespiel. Der Croupier, der mir den Tisch erklärt, kommt ursprünglich aus Norddeutschland, das ist nicht zu überhören und freut meine Ohren. Darauf angesprochen meint er: „Hamburg“.

Ob ihm der Norden nicht fehle. Nein, denn er fahre so oft er könne gen Heimat. Er erklärt mir den Tisch. Den Unterschied zwischen amerikanischem und französischem Roulette. Bis vor kurzem habe es hier im Grandcasino Basel noch französische Tische gegeben. Nun sind sie Vergangenheit. Kostengründe. Der französische Tisch benötigt das Doppelte an Personal. Der amerikanische Tisch erlaubt ein viel schnelleres Spiel. „Es ist alles sehr kommerziell geworden“, sagt er mit wehmütigem Blick.

Kein Glamour? Es gehe um Umsatz. Ich erfahre, warum es farbige Jetons gibt, was die Zahl darauf bedeutet, wie man setzt, welche Gewinnchancen es gibt. Mir schwirrt der Kopf. So viele Informationen, aber der nette Mensch hat recht: So kompliziert ist es gar nicht. „Seien Sie vorsichtig!“ sagt er warm und „Viel Glück!“ Ich lasse mich tatsächlich noch einmal verleiten, weitere zwanzig Franken in Jetons zu tauschen. Diesmal halten sie länger, aber nur, weil ich zögerlicher setzte und schon gar nicht alles auf einmal. Auch diese vier Plastiktaler wandern schliesslich in das schwarze Loch. Und ich weiss, warum ich nur verliere. Ich habe Angst vor einem Gewinn.

Noch einmal nehme ich die Rolltreppe bis ganz nach unten. Hier hört man wenigstens, wenn jemand gewinnt. Psychologisch geschickt, denke ich. Die Schale, in die die Münzen aus dem Automaten purzeln sind aus Blech, und es klingt wie im Märchen der Goldmarie wenn die Silbermünzen herniederregnen. Ich krame nach Einfränklern. Eigentlich sammle ich die für die Waschmaschine. Jetzt stecke ich einfach einen in den Schlitz. Ein Spiel beginnt. Vor mir blinken verschiedene Tasten auf. Ich habe auch hiervon keinerlei Ahnung. Drücke einfach auf irgendeine der Tasten und warte, was passiert. Die Scheiben mit den bunten Bildern beginnen sich zu drehn, halten nacheinander an und oben in der Anzeige rattert eine Zahl. Plötzlich bin ich ganz aufgeregt. „Äxgüsi!“ trau ich mich eine Automatennachbarin anzusprechen, die sogleich flüchten möchte. „Was bedeutet das?“ – „Sie haben gewonnen“, meint sie nüchtern. Und jetzt? Frage ich verstört. „Drücken Sie einfach auf ‚cash out’. Sie können natürlich auch weiterspielen.“ Nein, das möchte ich jetzt wenigstens einmal erlebt haben, dass es ‚Pling!’ macht und es für mich Münzen regnet. Ich drücke ‚cash out’ und heraus purzeln 17 bezahlte Waschmaschinenladungen. Danke.

Jetzt aber nichts wie raus hier. An der Bushaltestelle belausche ich unfreiwillig ein Gespräch. Ein Mann erzählt einem anderen auf Italienisch, dass er einen guten Tag verbracht habe. Er habe heute Nachmittag bereits 400 Franken gewonnnen, sie nach Hause gebracht und sei mit ungefähr 80 Franken noch mal für ein paar Stunden im Casino gewesen. Er habe auf Casino-Kosten gegessen und sich amüsiert. Ausserdem sind ihm immerhin noch 20 Franken geblieben. Dann muss er niessen. „Salute“, sage ich und erreiche damit prompt, was ich wollte: Mit ihm ins Gespräch zu kommen. Er sei aus Apulien, lebe aber schon viele Jahrzehnte in Basel. Ob er oft ins Casino gehe. „Certo! Jeden Tag!“ Und das sei amüsant? „Si!“ Das sei ein herrliches Vergnügen. Nun wollte er auch etwas wissen: Ob er denn mal mit mir zusammen ins Casino könne? Ach ja, ich hab Glück bei älteren Herren. Ich verneine. Warum? Ich würde nur verlieren, das mache mich fertig. Eben, deshalb solle ich mit ihm zusammen gehen. Er würde mir zeigen, wie man immer gewinnt. Ich bräuchte noch nicht einmal 20 Franken. Rührend diese Süditaliener. Er schenkt mir noch viele Komplimente und seine Visitenkarte.

Anderntags treffe ich mich mit Mister Roulette. Nun möchte ich es genau wissen. Seine Augen glänzen bei jeder Antwort, die er auf meine Fragen geben darf. Vor 30 Jahren habe er begonnen zu spielen. Es sei ihm damals sehr gut gegangen – finanziell. Aber er habe reich werden wollen. Angefangen habe er mit Karten- und Würfelspielen. Schnell sei es gegangen, dass er sich in einem Rhythmus von Gewinnen und Verlieren wiederfand. Er habe das Ambiente gemocht. Diese Mischung aus Spass, Risiko, Faszination. Es sei ihm erst viel später bewusst geworden, dass er zum Spieler geworden sei. Roulette sei das „letzte Stadium“. „Roulette macht abhängig wie das russische Roulette.“ Sein Gesicht ist nun ernst. Ein Spieler verspielt alles. Wenn er kein Geld mehr hat, verkauft er alles, was er hat, um weiterspielen zu können. Es sei ein Sog. Das Geld einzutauschen, das Rollen der Kugel im Kessel zu hören, das Adrenalin im Blut… „Das lässt dich nicht mehr los!“

Man verlöre das Verhältnis zum Geld. Plastikjetons haben keinen eigentlichen Wert, sie dienen dem Spiel. Es sei interessant, dass es Spieler gäbe, die sich als Profis bezeichneten, als ‚Professoren der Mathematik’. Sie glauben, sie könnten errechnen, welche Zahl als nächste falle. Er schüttelt den Kopf. „Es ist reiner Zufall. Es bleibt ein Glücksspiel.“ Der Gewinner feiere sich innerlich wie einen Helden. Er fühle sich, als habe er einen Löwen erledigt. Jeder Verlust dagegen werde mit Philosophie getragen und weggesteckt. Je nach dem steige der Blutdruck oder er falle. Es sei schon ein Phänomen, wenn man es fertig bringe, den Gewinn davonzutragen. Warum? Weil die Gefahr gross sei, dass man glaubt, heute sei der besondere Tag. Der Tag, an dem man noch mehr gewinnen könnte. Und dann bleibe man und spiele weiter und weiter bis alles wieder verloren sei.

Der Glücksmoment ist ein grosses Gefühl voller Kraft und Energie. Du fühlst dich ruhig und sicher. Es ist ein Spiel mit dir selbst. Noch einmal, noch einmal, noch einmal – das sei der Teufel, die Tücke. „Die Zeit vergeht und die Chancen, alles wieder zurückzugewinnen werden immer geringer.“ Er habe schon alle Sorten Menschen erlebt. Superrreiche, Hochintelligente, Leute, die sich tolle Autos von ihrem Gewinn geleistet oder ein Restaurant eröffnet haben. Auch er habe eine “Hans-im-Glück“-Zeit erlebt, in der es ihm an nichts gefehlt habe. Er sei Porsche gefahren, habe die Nächte in teuren Hotels verbringen können. Er habe dem Geld nie eine grosse Bedeutung beigemessen. Es komme und gehe. Warum er nicht mehr spiele? Ich habe mein Leben lang gespielt und vieles verspielt – nicht nur Geld. Die Werte seien nun andere geworden. „Ein Spieler spielt mit allem – auch mit seinem Leben!“

Ich sehe ihn fragend an. Dann wird er deutlicher: Er habe sich eines Tages regelrecht in Unterhosen wiedergefunden. Keinen Groschen mehr. Noch nicht mal für eine Tasse Kaffee, ein Brötchen, geschweige denn Zigaretten. Aber das Schlimmste an der Situation sei gewesen, dass er das Gefühl nicht losgeworden sei, er habe seine Seele verspielt. „Schau, es ist egal wo du spielst. Die Orte sind wohl verschieden, die Situation bleibt die gleiche. Ein Kreis ohne Ende. Ich rate allen, die Finger von diesem ‚Hobby’ zu lassen.“ Ein Spieler, der nie wieder spielen wird? Ich misstraue der feierlichen Rede. Er beugt sich zu mir vor, schaut mir lange in die Augen und meint: „Ich trau mir selber nicht, darum habe ich mich vor ein paar Monaten sperren lassen.“ Und ergänzt: „Die Liebe bleibt das Wichtigste im Leben!“

Angefüllt mit dieser Romantik mache ich mich auf den Heimweg. Zuhause wähle ich die Telefonnummer einer alten Bekannten in Norddeutschland. Ich erzähle ihr von meinen Eindrücken, meinen Erlebnissen. Und zu meinem Erstaunen, eröffnet sie mir plötzlich, dass sie durchwegs gute Erfahrungen mit dem Spielcasino gemacht habe. „Du?“ Klar, das seien ihre besten und amüsantesten Jahre gewesen. Richtig herrlich sei das gewesen Ich muss mich setzen. Als Kinder schon hätten sie zuhause Roulette gespielt. Papa und Mama hätten dieses Spiel zu Kriegszeiten angeschleppt. Die ganze Familie sei fasziniert gewesen. Sie selbst habe als Jugendliche ‚Der Spieler’ von Dostojewski gelesen. Der Spieler im Roman beginnt aus Spass, gewinnt viel Geld, hat Glücksgefühle. Dann wird sein Spiel zur Sucht. Am Schluss ist er pleite und sein Leben nimmt ein elendes Ende. Das hätte sie doch warnen müssen? „Ach was! Du darfst einfach nicht geldgierig sein und musst gehen, wenn du gewonnen hast.“ Zu ihrem 21. Geburtstag, damals dem Zeitpunkt der Volljährigkeit, hatte die Mutter gemeint: „Geht ins Casino nach Travemünde und macht euch einen schönen Abend!“ Sie gab ihrer Tochter noch 10 Mark mit den Worten: „Sowie du reinkommst, setzt du die an dem ersten Tisch, an dem du vorbeikommst, und zwar auf die 21!“

Sie ist damals bereits verheiratet gewesen und ging also mit ihrem Ehemann ins Spielcasino um ihren Geburtstag zu feiern. Es war eine elegante Zeit. Abendgarderobe war obligatorisch. Der Ehemann hat keine Krawatte – man will ihm den Zutritt verwehren. Da nimmt sie kurzerhand ihr Samtband aus dem Haar und bindet dem Mann daraus eine Fliege. Sie betreten das Casino, sie setzt auf die 21 und verliert. Machte nichts. Es ist genug Geld in der Tasche, um sich einen richtig chicen Abend zu machen. Schliesslich sollte die Volljährigkeit gefeiert werden. Nach einer Viertelstunde geht sie noch einmal an den Roulettetisch, setzt wieder auf die 21 und GEWINNT! Das 35-fache! „Meine Güte! Wir haben uns einen richtig schönen Abend gemacht!“ Sekt vom Feinsten, Cocktails, Diner… „Wir haben einfach einmal ‚grosse Welt’ gespielt.“ Als sie schliesslich alleinerziehend wurde, ging sie wieder ins Casino um ihren Lohn aufzubessern. „Am Ende des Monats hatte ich jeweils mein Gehalt verdoppelt.“ Verrückt. Ihre Strategie hiess: Sich nie aus der Ruhe bringen lassen. Nicht dem Gewinnrausch verfallen. Sie spielte auch Black Jack, obwohl sie bis heute nicht weiss, wie man das spielt. „Aber“, so sagt sie mir am Telefon, „das klappte ganz gut.“ Ob sie nie Angst gehabt habe, süchtig zu werden. Nein. Das Wichtigste ist die Gelassenheit. Sie fühlte nie die Gefahr der Spielsucht.

Gelassenheit und Liebe. Zwei Komponenten, die man im Leben nicht verlieren sollte – ganz gleich, ob man mal spielen geht oder nicht.


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