Rinnsteinzahn
oder: Dem Konjunktiv ein „Gott sei Dank!“
hineininterpretiert im Januar 2010, ah.
Früher Abend. Mein Fahrrad fährt vom Bahnhof SBB der Tramlinie 1 entlang ins St. Johann-Quartier. Auf dem Fahrrad sitze ich und lass mich nach Hause rollen. Meine „Gazelle“ findet den Weg längst alleine, nimmt mich jedoch ab und an mit. Mein Kopf hängt, müde vom Tag, mein Blick wandert gedankenverloren den Rinnstein entlang. Da entdecken meine Augen einen dieser weissen, rechteckigen Kaugummis, dann noch einen und noch einen… Erstaunlicherweise alle im gleichen Abstand zueinander von jeweils geschätzten zweieinhalb Pedaltritten. Und alle liegen in gleicher Richtung, waagrecht, die kurze Seite bündig zur Bordsteinkante, so dass sie zusammen von oben betrachtet einer Sprossenleiter ähneln. Wie es wohl zu diesem Rinnsteingebilde gekommen war? Vor meinem geistigen Auge entsteht spontan folgende Kurzszene:
Ein junger Mensch kramt beidhändig, während er gleichmässig in die Pedale tritt, aus seiner Jackentasche ein Päckchen Kaugummi hervor, öffnet es, indem er mit dem linken Daumen zwischen das erste und zweite Plättchen der prallgefüllten Packung drückt und die rechte Hand zum Auffangen bereit hält. Der Klebeverschluss öffnet sich, das weisse Gummiplättchen landet in seiner hohlen Rechten, will es mit einer geschickten Wurfbewegung in den Mund befördern, verfehlt das Ziel und landet stattdessen im Rinnstein. Daraufhin drückt der linke Daumen zwischen das zweite und dritte Plättchen, die rechte fängt abermals das nun herausgedrückte zweite, will dieses in den geöffneten Mund werfen, verfehlt ihn erneut und landet ebenfalls im Rinnstein.
Gemäss der Anzahl Kaugummiplättchen im Rinnstein ist es jenem jungen Menschen erst beim fünften Versuch geglückt gummikauend weiterzuradeln.
Meine Müdigkeit war verflogen, ich hob meinen Kopf. Ist doch gefährlich halbträumend dahinzuradeln! Und höllengefährlich freihändig radelnd mit Kaugummis zu werfen! Ebensogut hätten diese Plättchen im Rinnstein auch strahlendweisse Schneidezähne sein können von einem jungen Menschen, der, während er in die Pedale trat, beidhändig etwas aus seiner Jackentasche kramte…
Wenig später hätte auf selbiger Strecke ein Fahrrad seinen Besitzer nach Hause gefahren, der gesenkten Hauptes den Blick gedankenverloren auf den Rinnstein gerichtet hätte, wobei seine Augen einen rechteckigen, weissen Schneidezahn entdeckt hätten und dann noch einen und noch einen…
