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Willkommen auf ah-effekte, der persönlichen Homepage von Anette Herbst und der Schnürliprinzessin!

Sänks for träwweling

wenn einer eine Reise tut… März 2010, ah.

Freitagmorgen. Basel Badischer Bahnhof. Der Zug nach Stuttgart ist offensichtlich einer der ersten Intercitys, den die Welt je gesehen hat. Klapprig, abgewetzt und leicht versifft. Ich bin auf alles gefasst. Auf nörgelnde Kinder, weinende Babys, klingelnde Handys, sinnfreie Gespräche. Stattdessen Stille. Nichts. Enttäuschend beinah.

Karlsruhe Hauptbahnhof. Endlich. Ein älterer Herr beginnt ein Telefonat mit einem Handwerker. Der Flur bis zum 1. Stock muss gestrichen werden. Einfach Farbe drauf genügt. Im Erdgeschoss ist eine Wohnung frei. Er möge dort in der Küche noch eine Ecke überpinseln, eine Art Schimmelstelle, ein schwarzer Fleck, entstanden durch die Dachrinne des Nachbarn. Bei der Gelegenheit könne er auch gleich in seiner Wohnung ein Zimmer streichen. „Ist nicht viel Wandfläche. Nehmen wir einfach das Grau, was vom letzten Mal noch übrig ist.“ Durch den Spalt der Sitze hindurch erspähe ich den Herrn. Die Wände passend zur Haarfarbe. Hat was! Der Handwerker kommt heute noch. Das klappt also. Gleich drauf ruft der Herr Frau Schwarz an um ihr zu sagen, sie möge das Plakat raushängen. „Was haben wir das letzte Mal verhökert?“ Frau Schwarz scheint unsicher zu sein. Sie soll eine kleine Anzeige schalten und vor allem mit Sabine sprechen. Die soll sich Gedanken machen und das Schild ins Fenster stellen. Die „graue Wand“ ist also Hausbesitzer und Geschäftsinhaber. Respekt. Mit einem Mal wieder Stille. Vor lauter Malerarbeiten und Verhökeraufträgen wird mir müd’. Ich schlafe kurzzeitig ein.

Ab Pforzheim kommt zum Glück erneut Leben ins Abteil. Die „graue Wand“ telefoniert wieder. Mit wem bleibt diesmal verborgen. „Halt doch mal die Luft an!“ ertönt es mehrfach und derart deutlich, dass das ganze Abteil sich nicht mehr zu atmen traut. Zeitgleich bereichern drei Schüler einer Wirtschaftsschule das Abteil: Ein Mädchen, welches hauptsächlich aus Ponyfrisur und Frontzähnen besteht, ein Mädchen mit blondem Pferdeschwanz und blassem Gesicht und ein Junge mit Glupschaugen. Die „graue Wand“ empfiehlt weiterhin Luftanhalten. „Ehescheidung live“, amüsiert sich Blondi und setzt sich mir schräg gegenüber. Heute ist offenbar Prüfungstag gewesen. „Die Fischer hat von GW keine Ahnung!“ ist Blondi überzeugt, „die hätte Sportlehramt machen sollen.“ Glupschauge will wissen wie alt die Fischer ist. „31“, meint die Ponyfrisur. Blondi ist entsetzt: „Echt? 31? Dafür ist die aber voll fertig. Die sieht voll verbraucht aus!“ – „Die ist nicht verbraucht“, erklärt die Ponyfrisur, „die hat einfach schlimme Zähne und ne Scheissfrisur.“ – „Und keinen Hintern!“ lacht Blondi „Flach!“ – „Flach“ wiederholt die Ponyfrisur mit gedehntem „a“. Nun lachen alle Drei. Ich stelle mir die Fischer vor wie sie während des Unterrichts ihre schlechten Zähne vor Scham nicht auseinander bekommt, unsicher mit den Händen ihre Frisur zu retten versucht und wie jedes Mal, wenn sie der Klasse den Rücken kehrt, um etwas auf die Tafel zu schreiben, ein „flaaach“-Geflüster ihre Ohren streift. Dann muss Lehrer Will herhalten. „Der Will und sein Hund“, sagt Glupschauge, „hey! Eins zu Eins!“ Wills Hund hat Rasterlocken. „Hat der die reingemacht, oder wie?“ will Pony wissen. „Nee“, erklärt Glupschauge, „die wachsen so.“ Krass, sind sich alle einig. „Da brauchste keinen Wischmop mehr“, sagt Glupschauge und macht eine Bewegung als würde er das Rasterlockenhundeknäuel über den Boden ziehen. Wieder lachen alle. Blondi denkt wehmütig an eine Lehrerin, die einfach die beste gewesen ist. Die andern nicken zustimmend. „Die hätt’ echt noch warten müssen mit ihrer Schwangerschaft.“ Kurzes Innehalten, als wollten sie andächtig eine Schweigeminute einlegen. Dann lachen alle Drei wieder. Das sind also die Volks- und Betriebswirte von morgen.

Stuttgart Hauptbahnhof. Ich muss umsteigen und wünsche den Wirtschaftsschülern eine fröhliche Zeit. „Sie sind ja goldig!“ verabschiedet mich Glupschauge anerkennend lächelnd. Am Bahnsteig gegenüber steht der Zug der mich nach München bringen soll. Er ist brechend voll, hauptsächlich mit Skifahrern und Ausflüglern und dementsprechend ausladendem Equipment.

Ich quetsche mich in einen Sitz und beobachte amüsiert das Hin und Her, das Schieben und Drängeln, das „das-ist-aber-mein-Platz“-Gezeter, das übliche Bahnhofszenario also. „… we apologize for the Schrott…“ schnappe ich via Lautsprecher auf. Die deutsche Version hab ich verpasst. Verstehe aber sofort was gemeint ist: Der Zug hat schlicht zu wenig Wagen. Irgendetwas war wohl organisatorisch in die Hose gegangen. Ein Kaminberater läuft durch den Gang. Es gibt interessante Berufe! Vor mir nimmt eine junge Mutter mit ihrem etwa 5-jährigen Sohn Platz. Sie hatte ihm vor der Reise Schaffnerrequisiten geschenkt, inklusive Pfeife (!). „Umsteigen bitte!“ tönt es aus dem kleinen Mund und es ist uns allen klar, dass dieser junge Mann Talent hat. Allem voran das Talent ohne Lautsprecher einen ganzen Zug samt Bahnsteig zu beschallen. Der Zugchef verweist auf das Bordrestaurant und lockt mit Lorbeerkartoffeln. Wie die auf Englisch heissen, hat er sich nicht zu sagen getraut. Der Schaffnernachwuchs kriegt Karotten. Prima! Hoffentlich hat Mama die 1-Kilo-Tüte im Rucksack. Es zeigt sich allerdings sehr rasch ein weiteres Talent des Knaben: Er kann problemlos mit vollem Munde sprechen, auch wenn sein „Umsteigen bitte!“ leicht an Artikuliertheit einbüsst. Der Kaminberater kommt erneut den Gang entlang und ich sehe, dass ich mich verlesen hatte. Auf seinem Shirt unter der Latzhose steht „Kampfmittelbergung“. Es gibt interessante Berufe! Oberhalb der Abteiltür eine rote Leuchtschrift: „Der 1. Klasse-Effekt: Mehr Platz. Mehr Entspannung. Mehr Komfort.“ Hinter mir probiert einer Klingeltöne aus. So viel zum 2. Klasse-Effekt.

Ulm. Der Zugchef heisst Herr Eicher, begrüsst uns auf Deutsch und Englisch und beides klingt akzentfrei Bay’risch. „Wer ist Herr Eicher?“ will der Karottenschaffner wissen. „Der Herr Eicher fährt den Zug.“, erklärt die Mutter. Ist zwar die falsche Antwort, aber wenigstens stellt es den Knaben für wenige Minuten ruhig.

„Wenn du alleine gefahren wärst“, fragt schräg hinter mir eine Frau ihren Mann, „was hätte das gekostet?“ – „Die Hälfte!“ Es gibt interessante Ehen.

„Sänks for träwweling wiss Deutsche Bahn!“


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