anette herbst, ah-effekte

Willkommen auf ah-effekte, der persönlichen Homepage von Anette Herbst und der Schnürliprinzessin!

My Little Littering Boy

erschienen in der Septemberausgabe von KOLT,
der Kulturagenda Olten.
Auch online abrufbar unter www.kolt.ch (Seite 24).
ah. 2011

KOLT klingelte bei mir an. Also nicht die ganze Agenda, sondern ein Redaktor davon. „Frau Herbst, würden Sie was für die Herbstausgabe schreiben?“ – Gerne! Es passt ja auch so gut. Wie könnte ich da widerstehen. – „Es darf auch etwas mit Olten zu tun haben“, sagt der Redaktor noch, „muss nicht, aber wär schön.“ – Etwas mit Olten. Warum nicht. Ich mag Olten, wenngleich mir Olten dieses Gernhaben nicht einfach gemacht hat. Aus irgendeinem unergründlichen Zufall (oder war es gar ein Hinterhalt?!), fielen meine Oltenbesuche nämlich meist auf einen Sonntag. Und sonntags spielt Olten tote Katze. Da ist Schicht im Schacht. (Und wer nicht weiss, was diese bildhaften Entsprechungen bedeuten sollen, der gehe mal an einem Sonntag nach Olten.) Auf jeden Fall ist aufgrund dieser sonntagslastigen Oltenbesuche keine Liebesbeziehung, immerhin aber eine Freundschaft entstanden. Immerhin.

Ich nahm auf meinem Balkon Platz und dachte an Olten. Jetzt mögen Sie sagen: „Entschuldigung! Gab es nichts Dringenderes als an Olten zu denken?“ Und ich müsste antworten: „Entschuldigung! Olten ist dringend! Denn Olten wartet auf mich!“ Und Sie wären beeindruckt, weil Sie wissen, dass kaum einer von sich behaupten kann, dass Olten auf ihn wartet.

Ich sass also auf meinem Balkon und dachte an Olten, während die Welt sich weiterdrehte, was fatal war, denn dieses Drehen und Wuseln auf der Strasse vor und unter mir lenkte mich ständig ab. Noch dazu gibt es in meinem Quartier liebenswerte Unikümer, die teilweise derart herrlich poetische Schrulligkeiten haben, dass ich mich an jedem ihrer Auftritte erfreue und gar nicht sattsehen kann. Pullunderopa beispielsweise. Unbezahlbar. Für ihn würde ich gerne ein Headset beantragen, denn seine Selbstgespräche sind sicher so unterhaltsam wie gestenreich. Bislang konnte ich leider nur Fetzen aufschnappen und das auch nur, weil er endlich einmal direkt unter meinem Balkon entlanglief. „Istanbul! Konstantinopel!“ schimpfte er gestikulierend. Mehr nicht. Erstklassig.

Es war spät geworden. An Schreiben war nicht mehr zu denken. Zumindest nicht auf dem Balkon. Ich entzündete die Windlichter und ging zum Rotwein über. Einfach noch ein wenig diese Ruhe, diese Beschaulichkeit geniessen, nachdem Alles und Alle wie weggezaubert waren. Zufrieden und zurückgelehnt liess ich meinen Blick träumend schweifen.

Mit einem Mal erschien der Nachbar O. im Bild. Eine prallgefüllte, kleine Plastiktüte in der einen Hand ging er auf sein Fahrrad zu, das wie immer am Pfosten des Halteverbotsschildes festgekettet bereitstand. Er blickte leicht verstohlen um sich, schwang sich umständlich auf den Sattel und fuhr los. Da erinnerte ich mich, dass ich ihn schon desöfteren um solch eine Abendzeit so gesehen hatte. Prallgefüllte Tüte, verstohlener Blick, Schwung und weg. Ich sprang auf, eilte zur Uhr im Flur: 23 Uhr 15. Genau! Das war seine Zeit. In welcher „geheimen Mission“ war Nachbar O. denn unterwegs? Das wollte ich wissen, und zwar jetzt. Ich also Schlüssel geschnappt und haste-mich-nicht-gesehen unumständlich auf den Sattel meines Fahrrads und nix wie hinterher. Nachbar O. ist stets gemächlich unterwegs, sonst wär es auch aussichtslos gewesen ihn noch einzuholen. Erschreckend verkehrswidrig radelte er stur voran. Ich ebenso verkehrswidrig hinterher. Auf einem kleinen grünen Streifen(ihn „Park“ zu nennen wäre überrissen), liess er seinen prallen Plastiksack neben einem Müllkübel einfach ins spärliche Grün fallen. Ich schnitt ihm den Weg ab. Am liebsten hätte ich gesagt: „Verlieren Sie hier regelmässig Ihren Müll?“ Stattdessen sagte ich: „Herr O.! Das geht nicht.“ Er probierte die Nummer Der-Sack-ist-nicht-von-mir. Ich konnte mein Lachen nicht verkneifen. Daraufhin nahm er das pralle Teil wieder zu sich, radelte ein paar Meter weiter, lehnte unvermittelt sein Fahrrad an eine Häuserwand und verschwand mit seinem Müll in der Hand hinter einer Tür. Er gehe beten, hat er mich noch wissen lassen. Für eine bessere Müllentsorgung, dachte ich.

Anderntags fuhr er, wie üblich um 23 Uhr 15, mit zwei leeren PET-Flaschen los. Diesmal rührte ich mich nicht von meinem Balkon. Als er zurückkam meinte er, er habe soeben beim Coop seine Flaschen zurückgebracht. Selbstverständlich, dachte ich, die haben jetzt bestimmt so eine PET-Klappe, in der man extrem anonym seine ganz persönliche Flasche zur Wiederverwertung einwerfen kann.

Herr O. meint das nicht böse. Er hat einfach sonst keine Herausforderungen und möchte täglich wenigstens einmal in einer wichtigen Angelegenheit unterwegs sein. Irgendwie verstehe ich seine hilflosen Aktionen und hab entschieden von nun an dezent wegzusehen, wenn er sich um 23 Uhr 15 umständlich auf seinen Sattel schwingt.

„Entschuldigung!“, hör ich Sie unterbrechend fragen, „Und was hat all das mit Olten zu tun?“
Nichts.
Hoffe ich.


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