Canella
Eine kleine Weihnachtsgeschichte
Seit der Zeit, da sich drei Könige aus dem Morgenland aufmachten, einem Stern zu folgen, erzählt man sich in unseren Breiten die Geschichte einer aussergewöhnlichen Geburt, die kurz vor Jahresende den Menschen Heil und Glückseligkeit brachte.
Auf einer kleinen Insel jedoch, wird um die gleiche Zeit des Jahres eine ganz andere Geschichte erzählt:
Die Insel sei vor vielen Jahren unter der Herrschaft eines Königs, Misantropolus genannt, eine dunkle und traurige Insel gewesen. Es heisst, dieser König habe sich durch eine gewandte und scharfe Zunge das Volk Untertan gemacht und seine Härte und Undurchdringlichkeit war umso mehr gefürchtet, da niemand sonst auf der Insel über eine solche Kunst der Sprache verfügte. Für die Inselbewohner habe es damals keinen Zweifel gegeben, dass Misantropolus einem Fels entsprungen sein musste und man sagt, dies sei die Form des einfachen Volkes gewesen, sich die Gefühllosigkeit ihres Herrschers begreifbar zu machen.
Und in der Tat fehlte es Misantropolus an allen Sinnen.
Er war unfähig zu lieben, über seine Lippen huschte nie ein Lächeln, er war blind für die Schönheit allen Seins, seine Hände waren rauh und empfindungslos, er war taub gegenüber den Wohlklängen der Natur und seiner Seele fehlte es an Demut, da die Sinnlichkeit von Düften nie zu ihr habe vordringen können.
König Misantropolus jedoch war ein Meister der Sprache und des Denkens. Ebenso schnell wie seine Zunge war sein Verstand. Aufgrund dieser Fähigkeiten war es ihm gelungen den Thron zu besteigen – gerade zu einer Zeit, da die Inselbewohner voller Liebe füreinander waren, tanzten, lachten und sich ihres Daseins freuten.
Misantropolus sah die Glückseligkeit seines Volkes mit wachsender Missgunst. Solange er, der Felsgeborene, keinen Teil daran haben konnte, sollte auch sonst niemand zu solch grossen Empfindungen fähig sein.
Des Königs Verstand durchschaute rasch, dass all die Sinnlichkeit, die das Volk verströmte, nicht allein nur aus jedem Einzelnen heraus entstand, sondern dass die Insel mit ihrem Reichtum an Vegetation und vor allem an Gewürzen ihr Wesentliches dazu beitrug.
Es wird erzählt, diese Erkenntnis habe ihn dazu gebracht, folgende Rede an sein Volk zu halten:
„Ich Misantropolus, König der Insel, beobachte seit längerem mit grosser Sorge, wie Ihr, mein Volk, euch mehr und mehr im Nichts verliert. Die Götter haben Euch Köpfe auf den Hals gesetzt, doch Ihr scheint unfähig sie zu gebrauchen. Es scheint, als hätten Eure Sinne Besitz von Euch ergriffen, Euer Denken gelähmt und Euch in einen tiefen Schlaf versetzt. Ihr seid töricht, da Ihr glaubt zu leben. In Wahrheit aber haben Euch die Sinne verirrt gemacht und jeder Einzelne unter Euch wird sich im Rausch verflüchtigen. Das wäre das Ende dieser Insel. Darum ist es an der Zeit umzukehren und dem Pfad des Verstandes zu folgen. Um euch, mein Volk, nicht zu verlieren, erlasse ich folgende Befehle:
- unterlasst fortan Tänze und Gesänge,
denn sie sind des Verstandes Feind - schlachtet die trällernden Vögel, die Euch die Stille rauben
- benutzt eure Hände zum Erhalt der Insel
und lasst sie nicht weich werden
und der Liebkosung verfallen - befehlt Euren Augen einen strengeren Blick,
so dass die Natur euch nicht zu blenden vermag - vernichtet all die Gewürze, die eure Nase kitzeln
und Euch am Denken hindern - vor allem aber verbrennt die Zimtsträucher,
denn sie sind die Gefährlichsten von allen.
Das Holz der Sträucher nämlich trifft Euch mitten ins Herz, entfacht dort listig ein Feuer der Liebe,
auf dass Ihr Euch darin verlieren möget.
Volk meiner Insel, Ihr seht mich in grosser Besorgnis, wacht auf und schärft Euren Verstand, und lasst nicht zu, dass die Insel zum Verderben verdammt ist.“
Wieder hatte des Königs Zunge vermocht, die Inselbewohner tief zu beeindrucken. Es heisst, überwältigt von den Worten habe keiner an deren Wahrheit gezweifelt, vielmehr sei das Volk beschämt gewesen, den König in solch Besorgnis gestürzt zu haben. Und sogleich habe sich ein jeder aufgemacht, die Befehle Misantropolus auszuführen um dem Pfad des Verstandes zu folgen.
So wurde die Insel bald zu einem stillen und sinnlosen Ort und deren Bewohner mehr und mehr empfindungslos und stumpf – soweit, bis sie schliesslich gänzlich vergessen hatten, wie sie einst vor der Herrschaft Misantropolus gewesen waren.
Und gerade als der Insel in Dunkel- und Traurigkeit der Untergang drohte, so wird erzählt, hätten die Götter sich erbarmt und aus dem Meer eine Nuss-Schale an den Strand der Insel gespült. Darinnen sass ein feingliedriges Mädchen, klein wie ein Fingerhut, zerbrechlich wie Glas – einem Kleinod gleich und von solch anmutigem Wesen, dass gerade im Augenblick ihrer Ankunft die Insel zu blühen begann. Ihr kleiner Körper verströmte einen Hauch von Zimt und wenn sie lachte, war es, als würden tausend Glöckchen zum Klingen gebracht.
Zunächst seien die Inselbewohner durch Canellas Erscheinen wie erstarrt gewesen und dann plötzlich, ohne dass sie genau wussten wie, wurden ihnen alle Sinne wieder erweckt.
Voller Zorn aber sei Misantropolus gewesen, dem die Erscheinung nicht unentdeckt geblieben war. Er habe sich auf Canella gestürzt und ihren Körper mit seinen gewaltigen Händen zerbrochen. Als er jedoch gleich darauf in seine Hände blickte, hielt er zwischen seinen Fingern eine Art Hölzchen.
Es heisst, das Hölzchen habe einen süsslichen Duft in seine Nase gehaucht und in seinem Herzen einen Funken der Liebe geschlagen. Und König Misantropolus sei zum ersten Mal fähig gewesen zu fühlen. Dieses unvermittelte Empfinden sei so gross und gleichsam so schön gewesen, dass es den Felsgeborenen zum Zerspringen gebracht und die Insel befreit habe.
Ein Häufchen Steine sei von ihm übriggeblieben, heisst es weiter.
Seither ist es alter Brauch, sich zum Zeichen der Liebe und der Glückseligkeit des Lebens ein Zimthölzchen zu schenken, auf dass die Sinne niemals schlafen gehen.
