Vogel ohne Flügel
…was der Wonnemonat so an Höhenflügen bietet, 2008, ah
(erschienen im baz Kulturmagazin am 23. Juni 2008)
Haben Sie auch die Faxen dick vom „Bäumchen wechsel dich“? Jacke ja, Jacke nein, Schirm auf, Schirm zu, Licht an, Licht aus?
Machen Sie’s wie der Vogel ohne Flügel.
Ach so. Sie kennen ihn noch nicht, wissen gar nicht, was der macht.
Ich bin mit ihm auch eher zufällig bekannt geworden, um nicht zu sagen unfreiwillig.
Und das ging so:
Es war ein Samstagabend. Ich wollte mir was Gutes tun und ging in einem feinen Restaurant ebenso fein essen. Und kaum dass Vorspeise, Wein und Wasser vor mir standen, sass er unvermittelt an meinem Tisch und lachte mir in den Salat. Ein lebenslustiger Mann, den 60 näher als den 50, liess mich ungefragt an seinem Lebenslauf teilhaben. Ich wehrte mich nicht. Sein französischer Akzent war so stark wie charmant und hatte mich bereits nach den ersten Worten eingelullt.
„Isch konn sehen deine Aura!“ – Ah ja?! Ich hab also eine, fragte ich beglückt, als hätte er mir gerade ein Geschenk gemacht. „Mais oui! Breite Auraaa, viele Farbe – alors: Starke Energie!“ Ich hatte bislang gedacht, jeder habe eine. „No no no noooo!“, winkte er ab und hüllte sich gleich darauf in Schweigen. Grad jetzt, wo ich plötzlich heiss war auf Aurawissen. Verflixt.
Der Salat war vertilgt, ich nahm einen Schluck Wein und zündete einen Cigarillo an. Er lachte sehr herzhaft. So viel zufriedene Gelassenheit trifft man selten. „Isch aabe auch geraucht – früher!“, setzte er an. „Und seit isch nischt mehr rauche … fliege isch.“ – Hatte er gerade fliegen gesagt? „Oui! Oui!“, lachte er. Jede Nacht fliege er – im Traum. Und das seit 1993, eben jenem Zeitpunkt des Rauchstops. Seither habe er seine Technik naturellement erheblich verbessert. „Naturellement!“, bestätigte ich tonlos. So bereise er die Welt. Thailand beispielsweise kenne er sehr gut. Wobei er lieber über und durch Städte fliegt. Frankfurt, Paris, London. Ganz bekannte und allerseits beliebte Flugdestinationen, denke ich. Seit Wochen fliege er ‚New York – hin und zurück’. Faszinierende Stadt. Er kenne New York mittlerweile wie seine Westentasche.
Und wie bitte funktioniert das?
„Gooonz einfach! Isch lege misch ins Bett, sage mir, wohin isch fliegen möschte und eebe ab.“ Wieder dieses herzhafte Lachen bevor er ergänzend hinzufügt: „Isch bin ein Vogel ohne Flügel!“
Liebe Leser! Rauchen ist schädlich, wird ohnehin bald überall verboten und das mit dem Wetter hierzulande ist doch auch grosser Mist. Bevor wir uns zu Ausgestossenen machen lassen, lassen wir lieber den Tabak links liegen, lösen die Handbremse und heben ab – an den Ort unserer Träume.
Ihnen und mir wünsche ich an dieser Stelle mit einem herzhaften Lachen: Guten Flug!
