Herr Amsel
eine kleine Hinterhofgeschichte, Juni 2008, ah
im baz-Kulturmagazin erschienen am 11.Juli.08
Was hab ich in engagementfreien Zeiten meines Lebens schon für Jobs gemacht! Sie alle aufzuzählen würde den Rahmen dieser kleinen Geschichte sprengen. Nur soviel: Der Tellerwäscher war auch darunter.
Und was haben sich die Leute immer über meine Arbeit gefreut, wie herzlich bin ich am Ende jedesmal bedankt und auch beschenkt worden. Aber das allerschönste Dankeschön erhielt ich heute und das für einen äusserst kleinen und ebenso kurzen Job.
Ich hatte eine Schwangere zur Untermiete in meinem Stockwerk aufgenommen. Das heisst, eigentlich hat sie sich ungefragt einfach bei mir einquartiert. Ich fand das o.k., schliesslich war sie schwanger und für das bisschen Platz, das sie brauchte etwas zu verlangen, wäre mir gar nicht erst in den Sinn gekommen. Zudem hatte sie selbst ihr Bett gebaut und war enorm anspruchslos. Ihr Partner, ganz „Naturvieh“, wohnte derweil im Baum gegenüber. Es dauerte nicht lange, da entschlüpften ihr Fünflinge. Alle Achtung, dachte ich, und hoffte, dass alle durchkämen. Meine Sorgen waren überflüssig, denn der fünffache Vater kümmerte sich mit Leibeskräften um seine Brut. Sehr darauf bedacht, die fünf Mäuler zu stopfen. Auch die Mutter war unmittelbar nach dem Ereignis unterwegs um einzufangen, was nicht schnell genug unter die Erde kam.
Ein Hin und Her. Ein unermüdliches Treiben von frühmorgens bis Sonnenuntergang. Und so schwächlich die Sprösslinge anfangs auch erschienen, sie gediehen und wuchsen zusehends von Tag zu Tag. Nun kam mein Einsatz. In der Nachbarschaft nämlich leben drei Räuber, die nur darauf warten, dass ihnen eine Beute regelrecht vor die Pfoten fällt. Während der Vater die Kinder versorgte, zog die Mutter, einer Jungfrau von Orleans gleich, in den Kampf gegen diese Banditen.
Ich meinerseits kaufte eine Pistole und postierte mich als Leibwächter auf dem Balkon. Die Knarre stets geladen und griffbereit. Und sobald die Mutter Alarm auslöste, suchten meine Augen den Feind und er bekam eine gehörige Wasserladung ins Fell geschossen. Der Vater warf mir ab und an einen wissenden Blick zu, die Mutter war zu beschäftigt. Nach ein paar Tagen war die Bettstatt zu klein geworden und mir war klar, dass diese Familie so sang- und klangvoll ausziehen würde, wie sie vor kurzem eingezogen war. Und als nach längerer, ängstlicher Überlegung auch das Nesthäkchen das Weite suchte, war ich meinen Leibwächterjob so gut wie los. Hie und da noch ein Kurzeinsatz im Hof, dann die Gewissheit des bestandenen Flugscheins der Fünflinge. Übrig blieb der wehmütige Blick meinerseits auf das verwaiste Nest. Und heute Morgen ganz unvermittelt sang mir der Vater eine Dankesarie.
So schön und wunderlich, dass ich ihn spontan ‚Fritz‘ taufte.
