anette herbst, ah-effekte

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Scheiss Höflichkeit!

…is doch wahr! Juli 2008, ah
erschienen im baz-Kulturmagazin am 04.08.08

Ich bin ein höflicher Mensch.
Schon immer gewesen.
Und nicht nur, weil ich so erzogen wurde, oder es das Leben angenehmer und friedlicher macht. Sondern auch, weil es wunderschöne Gesten der Höflichkeit gibt. „Darf ich Ihnen die Tür aufhalten“ ist liebenswürdig, „Bleib sitzen, ich hol das für dich“ ist liebevoll. Den verirrten Käfer aus der Duschwanne vor dem Ertrinken retten, ist womöglich schon Tierliebe. Man könnte also sagen, aus lauter Liebe zu Kreaturen, Situationen und Dingen bin ich im Grunde meines Wesens ein höflicher Kerl. Weit über ‚Bitte’ und ‚Danke’ hinaus. Echt empfundene Höflichkeit ist unangestrengt, kostet nicht mal Energie.
Aber manchmal wundere ich mich über meine Höflichkeit, ja, kotzt sie mich geradezu an. Und zwar dann, wenn ich aus irgendeiner Mistkonstellation heraus auf einen Menschen treffe, der mich mal willentlich verletzt hat, oder sich verletzend verhält. Dann ist meine Höflichkeit kein Geschenk, kommt sie nicht aus dem herzlichen Innern, sondern ist erzwungener Gesellschaftskonformismus. Mit anderen Worten: erstunken und erlogen. Und dann wünsche ich mir, man dürfte einfach auch mal „Blöde Kuh“, „Scheisstyp“ oder „Arschloch“ sagen. Ungestraft und ebenso natürlich wie aus einem in anderen Situationen die Höflichkeit sprudelt. Man müsste auch nicht künstlich das Gesicht verziehen bis es aussieht wie ein Lächeln. Nix. In aller Echt- und Wahrheit dürfte man dem andern zeigen, was man wirklich denkt und meint. Klar. „Schönen Tag noch“ klingt fröhlicher als „Geh mir aus der Sonne, du Idiot“. Aber Letzteres wär unangestrengt und tät hin und wieder einfach saugut.


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