„I schänke dr mis…“
erschienen im baz-Kulturmagazin am 19.09.08, ah
Jetzt ist es gut eine Woche her. Ich war mit dem Fahrrad auf dem Nachhauseweg. Es muss gegen halb elf abends gewesen sein. In meinem Quartier war so gut wie niemand mehr unterwegs. Alles vernünftige Menschen, dacht ich innerlich grinsend. Dann rief jemand in meinem Rücken nach mir. Meinen Namen rief er nicht, einfach nur „Hallo!“ und „Tschuldigung!“ und ich hielt erst nach einigen Malen Rufen an, weil ich nicht gleich begriff, dass ich gemeint sein sollte. Ein junger Mann mit einem Kleinkind vor dem Bauch rannte auf mich zu: „Sorry, dass ich dich anhalte. Wohnst du hier im Quartier?“ Ich nickte. „Könntest du mir einen Gefallen tun?“ – „Kommt drauf an.“ Er wohne auch gleich hier um irgendwelche Ecken, sei seit Stunden unterwegs um Geld aufzutreiben. „Weißt du, es geht mir vor allem um das Wohl des Kleinen“, sagte er sehr gewählt. Essen, Windeln – das kostet. Kurz und gut: Er pumpte mich an, und zwar um schlappe einhundert Franken. Ich hatte gerade eine Kollegin eingeladen, als Dankeschön für eine Arbeit, die sie für mich gemacht hatte und hatte daher selber noch genau zwei Franken im Hosensack. Der junge Mann blieb unbeeindruckt und hartnäckig. „Ich hab einen Job, aber mein Lohn ist noch nicht da.“ Die Nummer war gut. Und wenn sie echt war? Der Mensch machte einen gepflegten Eindruck. Man weiss nie in welche Klemme man geraten kann. Es gibt so Umstände. Und ich kenn das doch selber so verdammt gut – wie das ist, ohne Geld. „Ich lass dir meine ID da. Kannst sicher sein, dass ich dir das Geld zurückbringe. Du würdest mir echt helfen.“ Ich fuhr zum Postomaten, hob hundert Franken ab, derweil er an einer Strassenkreuzung wartete. Seine ID wollte ich nicht. Sicherheiten?! Ein Büro aufmachen wegen… Nein! Entweder er schätzt mein Vertrauen oder peng! Gab ihm stattdessen meine Visitenkarte. Er bedankte sich herzlich, als ich ihm den Hunderter in die Hand drückte und ich fragte mich, während mich mein Fahrrad nach Hause rollte, ob ich es wieder tun würde, wenn der Kerl mich reingelegt haben sollte. Und ob der Nächste, der Ehrliche, dann leer ausginge, weil Vertrauen so leicht missbraucht werden kann. Ich hab das Geld bis heute nicht zurück, aber ich würde es wohl wieder tun. Weil man nie weiss… und weil ich das ja selbst so verdammt gut…
Auch das ist doch irgendwie menschlich, oder?
