Anti Aging? – Ohne mich!
Eine wahre Geschichte. Erlebt am 17. Oktober 2008, ah.
erschienen im baz-Kulturmagazin am 11.12.08
Gestern war ich 17 Jahre alt. Ohne Witz. Wahrscheinlich aufgrund schlechter Beleuchtung, mangelnder Brille oder schlicht aus Verantwortungsbewusstsein. Auf jeden Fall ganz ohne Botox oder sonstigen Verjüngungsschwindel. Möglich, dass Sie mir das nicht abkaufen, dass Sie sofort sagen werden: Frei erfunden!
Die folgende kleine Szene aber hat sich tatsächlich zugetragen. Sie ist…so wahr ich lebe.
Es war heller Vormittag. Der Herbst zeigte ein strahlendes Gesicht – die Herbst noch nicht gänzlich entfaltete Wachheit. Ich hatte gerade die Volkszahnklinik verlassen (das ist eine andere schmerzlose Geschichte) und schob mit meinem Fahrrad Richtung Kaserne. Weiter links davon nämlich befindet sich ein Tabakladen (bitte jetzt nicht umleiten zur Nichtraucherkampagne, denn das ist eine andere nicht ganz schmerzfreie Geschichte). Gut. Ich also rein in den Laden. Hinter der kleinen Theke ein feingekleideter, älterer Herr. „Guete Daag!“ – Gleichfalls. „Eine Schachtel Petit Nobel, bitte.“ Er öffnet die Tür zum Humidor. „Türkis!“ ruf ich noch hinterher und meine damit die Schachtelfarbe. Er klaubt sie aus dem oberen Regal, muss sich ordentlich strecken dabei. Dann kommt er zurück, legt die Schachtel auf den Tresen ohne sie loszulassen und sieht mich an. „Sind Sie schon 18!“ fragt er gewissenhaft. Er meinte mich! Ja! Ich brauchte mich nicht umzudrehen – ich war allein im Laden. Scherzfrage? denke ich, aber er betrachtet mich ganz ernsthaft und meint: „Die Verordnungen heutzutage – daas isch ja gschtöört!“ – „Äh, ja!“ bring ich hervor. Da er weiter die Schachtel festhält ergänze ich: „Das hätten Sie mich mal vor 24 Jahren fragen sollen“ und komme mir sofort arrogant vor. Nun sieht er mich fragend an. War da etwa eine versteckte Kamera? Gibt’s die Sendung überhaupt noch?! „Ich bin 42“, erkläre ich schliesslich und war mir mit einem Mal selber nicht mehr sicher. Daraufhin jedoch durfte ich zahlen, die Schachtel Cigarillos mein Eigen nennen und ihm einen schönen Tag wünschen.
Verwirrt fand ich mich auf der Strasse wieder.
‚Noch-nicht-18-sein’ stellte ich mir vor. Noch mal die Abiturprüfung machen müssen und diesmal mit Sicherheit durchrasseln. Ein Alptraum! 24 durchlebte und teils durchlittene Jahre spulten sich in den nächsten Stunden noch einmal in meinem Gedächtnis ab. Erst nachdem ich endlich bei meinem realen Alter angelangt war, atmete ich tief durch. Gott zum Gruss! Ich bin 42! Und das ist gut so. Kein Jahr möchte ich streichen oder zurückkriechen. Nie hab ich mich freier und wohler gefühlt als jetzt. Bei mir finden die Jungspritzer und Glattbügler keine Einkommensquelle. Denen lächle ich faltenfroh in ihre Silikontaschen!
