Vernunft – na und?
unvernünftigerweise niedergeschrieben im Dezember 08, ah
erschienen im baz-Kulturmagazin am 02. Januar 09
Wenn die Vernunft die Koffer packt und blau macht, dann machen sich sogleich die „zu’s“ breit und hängen sich saftigen Sahneschnitten gleich vor alles, was dann nach „Verderben“ schmeckt. „Zu viel“, „zu lange“, „zu üppig“. Die Liste allein ist schon unvernünftig lang. Eine Zu-Mutung für Seelen, die baumeln möchten. Warum aber klingt „Vernunft“ nach Erziehungsberater und hinterlässt der Zusatz „zu“ stets einen negativen Nachgeschmack?
„Die Vernunft ist das oberste Erkenntnisvermögen, das den Verstand kontrolliert und diesem Grenzen setzt bzw. dessen Beschränkungen erkennt.“ Soweit ein Teil der Definition. Schon das hier erwähnte „oberste Erkenntnisvermögen“ erscheint mir fremd bis unerreichbar. Jedenfalls bin ich meiner Lebtage noch keinem Erdenmitbewohner begegnet, der mir beispielsweise am Tresen also da, wo Alltag und Philosophie sich plaudernd treffen, eröffnete: „Mein oberstes Erkenntnisvermögen hat mir heute Morgen gemailt, dass ein Bier pro Tag ausreichend, wenn nicht gar schon eines zu viel ist.“
Und wer bitte möchte sich ständig mit den Grenzen bzw. Beschränkungen seines Verstandes konfrontieren und auseinandersetzen? Und den Verstand gar kontrollieren müssen? Weil der Verstand sonst womöglich im Stande wäre sich so zu verständigen, dass es eine Schand’ wäre – verstehen Sie?
Lebt nicht gerade der Reiz und Reichtum im Unvernünftigen? Die Vernunft an sich macht auf mich jedenfalls keinen sehr kreativen Eindruck. Nehmen wir die Liebe. Die Liebe ist verrückt nicht vernünftig. Und gerade deshalb so schmetterlingsbunt und zum Vergehen schön. Nehmen wir die Kunst – gleich welche Sparte. Hat man da beispielsweise je gehört: „Sehr vernünftig das Werk so zu gestalten“? Ist es nicht so, dass gerade das Unvernünftige, das, was unser oberstes Erkenntnisvermögen mitsamt dem Restverstand zu sprengen vermag, uns immer auch nach vorne gebracht hat? Horizonte eröffnete, Perspektiven auftat, Weiterentwicklung erst möglich machte? Und sind die Vernünftigen nicht auch die Faden?
Lassen wir uns kein ‚x’ für ein ‚u’ verkaufen. Sicher ist, dass man spätestens nach den fetten Feiertagen an unsere Vernunft appellieren wird. Eben wegen jener „zu viel“, „zu lange“, „zu üppig“. Deshalb am Fest der Liebe vernünftig sein? Masshalten im Verrückt- und Ausgelassensein, das lasse ich gelten. Schenken Sie also ein, lassen Sie den Gaumen hochleben. Und sollte Ihre Vernunft noch nicht verreist sein, helfen Sie ihr die Koffer packen. Es lebt sich entspannt ohne.
Glauben Sie mir.
